Viertes Buch.
208.
Gewissensfrage. - "Und in summa: was wollt ihr eigentlich
Neues?" - Wir wollen nicht mehr die Ursachen zu Sündern
und die Folgen zu Henkern machen.
209.
Die Nützlichkeit der strengsten Theorien. -
Man sieht einem Menschen viele Schwächen der Moralität
nach und handhabt dabei ein grobes Sieb, vorausgesetzt, dass er
sich immer zur strengsten Theorie der Moral bekennt! Dagegen hat
man das Leben der freigeistischen Moralisten immer unter das Mikroskop
gestellt: mit dem Hintergedanken, dass ein Fehltritt des Lebens
das sicherste Argument gegen eine unwillkommene Erkenntniss sei.
210.
Das "an sich". - Ehemals fragte man: was ist
das Lächerliche? wie als ob es ausser uns Dinge gebe, welchen
das Lächerliche als Eigenschaft anhafte, und man erschöpfte
sich in Einfällen (ein Theologe meinte sogar, dass es "die
Naivität der Sünde" sei). Jetzt fragt man: was
ist das Lachen? Wie entsteht das Lachen? Man hat sich besonnen
und endlich festgestellt, dass es nichts Gutes, nichts Schönes,
nichts Erhabenes, nichts Böses an sich giebt, wohl aber Seelenzustände,
in denen wir die Dinge ausser und in uns mit solchen Worten belegen.
Wir haben die Prädicate der Dinge wieder zurückgenommen,
oder wenigstens uns daran erinnert, dass wir sie ihnen geliehen
haben: - sehen wir zu, dass wir bei dieser Einsicht die Fähigkeit
zum Verleihen nicht verlieren, und dass wir nicht zugleich reicher
und geiziger geworden sind.
211.
An die Träumer der Unsterblichkeit. - Diesem schönen
Bewusstsein eurer selbst wünscht ihr also ewige Dauer? Ist
das nicht schamlos? Denkt ihr denn nicht an alle anderen Dinge,
die euch dann in alle Ewigkeit zu ertragen hätten, wie sie
euch bisher ertragen haben mit einer mehr als christlichen Geduld?
Oder meint ihr, ihnen ein ewiges Wohlgefühl an euch geben
zu können? Ein einziger unsterblicher Mensch auf der Erde
wäre ja schon genug, um alles Andere, das noch da wäre,
durch Überdruss an ihm in eine allgemeine Sterbe- und Aufhängewuth
zu versetzen! Und ihr Erdenbewohner mit euren Begriffelchen von
ein paar Tausend Zeitminütchen wollt dem ewigen allgemeinen
Dasein ewig lästig fallen! Giebt es etwas Zudringlicheres!
- Zuletzt: seien wir milde gegen ein Wesen von siebenzig Jahren!
- es hat seine Phantasie im Ausmalen der eignen "ewigen Langenweile"
nicht üben können, - es fehlte ihm an der Zeit!
212.
Worin man sich kennt. - Sobald ein Thier ein anderes sieht,
so misst es sich im Geiste mit ihm; und ebenso machen es die Menschen
wilder Zeitalter. Daraus ergiebt sich, dass sich da jeder Mensch
fast nur in Hinsicht auf seine Wehr- und Angriffskräfte kennen
lernt.
213.
Die Menschen des verfehlten Lebens. - Die Einen sind aus
solchem Stoffe, dass es der Gesellschaft erlaubt ist, Diess oder
Jenes aus ihnen zu machen: unter allen Umständen werden sie
sich gut dabei befinden und nicht über ein verfehltes Leben
zu klagen haben. Andere sind von zu besonderem Stoffe - es braucht
desshalb noch kein besonders edler, sondern eben nur ein seltnerer
zu sein -, als dass sie nicht sich schlecht befinden müssten,
den einzigen Fall ausgenommen, dass sie ihrem einzigen Zwecke
gemäss leben können: - in allen anderen Fällen
hat die Gesellschaft den Schaden davon. Denn Alles, was dem Einzelnen
als verfehltes, missrathenes Leben erscheint, seine ganze Bürde
von Missmuth, Lähmung, Erkrankung, Reizbarkeit, Begehrlichkeit,
wirft er auf die Gesellschaft zurück - und so bildet sich
um sie eine schlechte dumpfe Luft und, im günstigsten Falle,
eine Gewitterwolke.
214.
Was Nachsicht! - Ihr leidet, und verlangt, dass wir nachsichtig
gegen euch sind, wenn ihr im Leiden den Dingen und Menschen Unrecht
thut! Aber was liegt an unserer Nachsicht! Ihr aber solltet vorsichtiger
um euer selbst willen sein! Das ist eine schöne Art, sich
für sein Leiden so zu entschädigen, dass man noch dazu
sein Urtheil schädigt! Auf euch selber fällt eure eigne
Rache zurück, wenn ihr Etwas verunglimpft; ihr trübt
damit euer Auge, nicht das der Anderen: ihr gewöhnt euch
an das Falsch - und Schief-Sehen!
215.
Moral der Opferthiere. - "Sich begeistert hingeben",
"sich selber zum Opfer bringen" - diess sind die Stichworte
eurer Moral, und ich glaube es gerne, dass ihr, wie ihr sagt,
"es damit ehrlich meint": nur kenne ich euch besser,
als ihr euch kennt, wenn eure "Ehrlichkeit" mit einer
solchen Moral Arm in Arm zu gehen vermag. Ihr seht von der Höhe
derselben herab auf jene andere nüchterne Moral, welche Selbstbeherrschung,
Strenge, Gehorsam fordert, ihr nennt sie wohl gar egoistisch,
und gewiss! - ihr seid ehrlich gegen euch, wenn sie euch missfällt,
- sie muss euch missfallen! Denn indem ihr euch begeistert hingebt
und aus euch ein Opfer macht, geniesst ihr jenen Rausch des Gedankens,
nunmehr eins zu sein mit dem Mächtigen, sei es ein Gott oder
ein Mensch, dem ihr euch weiht: ihr schwelgt in dem Gefühle
seiner Macht, die eben wieder durch ein Opfer bezeugt ist. In
Wahrheit scheint ihr euch nur zu opfern, ihr wandelt euch vielmehr
in Gedanken zu Göttern um und geniesst euch als solche. Von
diesem Genusse aus gerechnet, - wie schwach und arm dünkt
euch jene "egoistische" Moral des Gehorsams, der Pflicht,
der Vernünftigkeit: sie missfällt euch, weil hier wirklich
geopfert und hingegeben werden muss, ohne dass der Opferer sich
in einen Gott verwandelt wähnt, wie ihr wähnt. Kurz,
ihr wollt den Rausch und das Übermaass, und jene von euch
verachtete Moral hebt den Finger auf gegen Rausch und Übermaass,
- ich glaube euch wohl, dass sie euch Missbehagen macht!
216.
Die Bösen und die Musik. - Sollte die volle Seligkeit
der Liebe, welche im unbedingten Vertrauen liegt, jemals anderen
Personen zu Theil geworden sein, als tief misstrauischen, bösen
und galligen? Diese nämlich geniessen in ihr die ungeheure,
nie geglaubte und glaubliche Ausnahme ihrer Seele! Eines Tages
kommt jene gränzenlose, traumhafte Empfindung über sie,
gegen die sich ihr ganzes, übriges heimliches und sichtbares
Leben abhebt: wie ein köstliches Räthsel und Wunder,
voll goldenen Glanzes und über alle Worte und Bilder hinaus.
Das unbedingte Vertrauen macht stumm; ja, selbst ein Leiden und
eine Schwere ist in diesem seligen Stumm-werden, wesshalb auch
solche vom Glück gedrückte Seelen der Musik dankbarer
zu sein pflegen, als alle anderen und besseren: denn durch die
Musik hindurch sehen und hören sie, wie durch einen farbigen
Rauch, ihre Liebe gleichsam ferner, rührender und weniger
schwer geworden; Musik ist ihnen das einzige Mittel, ihrem ausserordentlichen
Zustande zuzuschauen und mit einer Art von Entfremdung und Erleichterung
erst seines Anblicks theilhaft zu werden. Jeder Liebende denkt
bei der Musik: "Sie redet von mir, sie redet an meiner Statt,
sie weiss Alles!" -
217.
Der Künstler. - Die Deutschen wollen durch den Künstler
in eine Art erträumter Passion kommen; die Italiäner
wollen durch ihn von ihren wirklichen Passionen ausruhen; die
Franzosen wollen von ihm Gelegenheit, ihr Urtheil zu beweisen,
und Anlässe zum Reden haben. Also seien wir billig!
218.
Mit seinen Schwächen als Künstler schalten. -
Wenn wir durchaus Schwächen haben sollen und sie als Gesetze
über uns endlich auch anerkennen müssen, so wünsche
ich Jedem wenigstens so viel künstlerische Kraft, dass er
aus seinen Schwächen die Folie seiner Tugenden und durch
seine Schwächen uns begehrlich nach seinen Tugenden zu machen
verstehe: Das, was in so ausgezeichnetem Maasse die grossen Musiker
verstanden haben. Wie häufig ist in Beethoven's Musik ein
grober rechthaberischer, ungeduldiger Ton, bei Mozart eine Jovialität
biederer Gesellen, bei der Herz und Geist ein Wenig fürlieb
nehmen müssen, bei Richard Wagner eine abspringende und zudringende
Unruhe, bei der dem Geduldigsten die gute Laune eben abhanden
kommen will: da aber kehrt er zu seiner Kraft zurück, und
ebenso Jene; sie Alle haben uns mit ihren Schwächen einen
Heisshunger nach ihren Tugenden und eine zehnmal empfindlichere
Zunge für jeden Tropfen tönenden Geistes, tönender
Schönheit, tönender Güte gemacht.
219.
Der Betrug bei der Demüthigung. - Du hast deinem Nächsten
mit deiner Unvernunft ein tiefes Leid zugefügt und ein unwiederbringliches
Glück zerstört - und nun gewinnst du es über deine
Eitelkeit, zu ihm zu gehen, du demüthigst dich vor ihm, giebst
deine Unvernunft vor ihm der Verachtung preis und meinst, nach
dieser harten, für dich äusserst beschwerlichen Scene
sei im Grunde alles wieder in Ordnung gebracht, - deine freiwillige
Einbusse an Ehre gleiche die unfreiwillige Einbusse des Andern
an Glück aus: mit diesem Gefühle gehst du erhoben und
in deiner Tugend wiederhergestellt davon. Aber der Andere hat
sein tiefes Leid wie vorher, es liegt ihm gar nichts Tröstliches
darin, dass du unvernünftig bist und es gesagt hast, er erinnert
sich sogar des peinlichen Anblicks, den du ihm gegeben hast, als
du dich vor ihm selbst verachtetest, wie einer neuen Wunde, welche
er dir verdankt, - aber er denkt nicht an Rache und begreift nicht,
wie zwischen dir und ihm Etwas ausgeglichen werden könnte.
Im Grunde hast du jene Scene vor dir selber aufgeführt und
für dich selber: du hattest einen Zeugen dazu eingeladen,
deinetwegen wiederum und nicht seinetwegen, - betrüge dich
nicht!
220.
Würde und Furchtsamkeit. - Die Ceremonien, die Amts-
und Standestrachten, die ernsten Mienen, das feierliche Dreinschauen,
die langsame Gangart, die gewundene Rede und Alles überhaupt,
was Würde heisst: das ist die Verstellungsform Derer, welche
im Grunde furchtsam sind, - sie wollen damit fürchten machen
(sich oder Das, was sie repräsentiren). Die Furchtlosen,
das heisst ursprünglich: die jederzeit und unzweifelhaft
Fürchterlichen haben Würde und Ceremonien nicht nöthig,
sie bringen die Ehrlichkeit, das Geradezu in Worten und Gebärden
in Ruf und noch mehr in Verruf, als Anzeichen der selbstbewussten
Fürchterlichkeit.
221.
Moralität des Opfers. - Die Moralität, welche
sich nach der Aufopferung bemisst, ist die der halbwilden Stufe.
Die Vernunft hat da nur einen schwierigen und blutigen Sieg innerhalb
der Seele, es sind gewaltige Gegentriebe niederzuwerfen; ohne
eine Art Grausamkeit, wie bei den Opfern, welche kanibalische
Götter verlangen, geht es dabei nicht ab.
222.
Wo Fanatismus zu wünschen ist. - Phlegmatische Naturen
sind nur so zu begeistern, dass man sie fanatisirt.
223.
Das gefürchtete Auge. - Nichts wird von Künstlern,
Dichtern und Schriftstellern mehr gefürchtet, als jenes Auge,
welches ihren kleinen Betrug sieht, welches nachträglich
wahrnimmt, wie oft sie an dem Gränzwege gestanden haben,
wo es entweder zur unschuldigen Lust an sich selber oder zum Effect-machen
abführte; welches ihnen nachrechnet, wenn sie Wenig für
Viel verkaufen wollten, wenn sie zu erheben und zu schmücken
suchten, ohne selber erhoben zu sein; welches den Gedanken durch
allen Trug ihrer Kunst hindurch so sieht, wie er zuerst vor ihnen
stand, vielleicht wie eine entzückende Lichtgestalt, vielleicht
aber auch als ein Diebstahl an aller Welt, als ein Alltags-Gedanke,
den sie dehnen, kürzen, färben, einwickeln, würzen
mussten, um Etwas aus ihm zu machen, anstatt dass der Gedanke
Etwas aus ihnen machte, - oh dieses Auge, welches alle eure Unruhe,
euer Spähen und Gieren, euer Nachmachen und überbieten
(diess ist nur ein neidisches Nachmachen) eurem Werke anmerkt,
welches eure Schamröthe so gut kennt, wie eure Kunst, diese
Röthe zu verbergen und vor euch selber umzudeuten!
224.
Das Erhebende" am Unglück des Nächsten.
- Er ist im Unglück, und nun kommen die "Mitleidigen"
und malen ihm sein Unglück aus, - endlich gehen sie befriedigt
und erhoben fort: sie haben sich an dem Entsetzen des Unglücklichen
wie an dem eigenen Entsetzen geweidet und sich einen guten Nachmittag
gemacht.
225.
Mittel, um schnell verachtet zu werden. - Ein Mensch, der
schnell und viel spricht, sinkt ausserordentlich tief in unserer
Achtung, nach dem kürzesten Verkehre, und selbst wenn er
verständig spricht, - nicht nur in dem Maasse als er lästig
fällt, sondern weit tiefer. Denn wir errathen, wie vielen
Menschen er schon lästig gefallen ist, und rechnen zu dem
Missbehagen, das er macht, noch die Missachtung hinzu, welche
wir für ihn voraussetzen.
226.
Vom Verkehre mit Celebritäten. - A: Aber warum weichst
du diesem grossen Manne aus? - B: Ich möchte ihn nicht verkennen
lernen! Unsere Fehler vertragen sich nicht bei einander: ich bin
kurzsichtig und misstrauisch, und er trägt seine falschen
Diamanten so gern wie seine ächten.
227.
Kettenträger. - Vorsicht vor allen Geistern, die an
Ketten liegen! Zum Beispiel vor den klugen Frauen, welche ihr
Schicksal in eine kleine, dumpfe Umgebung gebannt hat und die
darin alt werden. Zwar liegen sie scheinbar träge und halb
blind in der Sonne da: aber bei jedem fremden Tritt, bei allem
Unvermutheten fahren sie auf, um zu beissen; sie nehmen an Allem
Rache, was ihrer Hundehütte entkommen ist.
228.
Rache im Lobe. - Hier ist eine geschriebene Seite voller
Lob, und ihr nennt sie flach: aber wenn ihr errathet, dass Rache
in diesem Lobe verborgen liegt, so werdet ihr sie fast überfein
finden und an dem Reichthum kleiner kühner Striche und Figuren
euch sehr ergötzen. Nicht der Mensch, sondern seine Rache
ist so fein, reich und erfinderisch; er selber merkt kaum Etwas
davon.
229.
Stolz. - Ach, ihr kennt alle das Gefühl nicht, welches
der Gefolterte nach der Folterung hat, wenn er in die Zelle zurückgebracht
wird und sein Geheimniss mit ihm! - er hält es immer noch
mit den Zähnen fest. Was wisst ihr vom Jubel des menschlichen
Stolzes!
230.
"Utilitarisch" - jetzt gehen die Empfindungen
in moralischen Dingen so kreuz und quer, dass man für diesen
Menschen eine Moral durch ihre Nützlichkeit beweist, für
jenen gerade durch die Nützlichkeit widerlegt.
231.
Von der deutschen Tugend. - Wie entartet in seinem Geschmack,
wie sclavisch vor Würden, Ständen, Trachten, Pomp und
Prunk muss ein Volk gewesen sein, als es das Schlichte als das
Schlechte, den schlichten Mann als den schlechten Mann abschätzte!
Man soll dem moralischen Hochmuthe der Deutschen immer diess Wörtlein
"schlecht" und Nichts weiter entgegenhalten!
232.
Aus einer Disputation. - A: Freund, Sie haben sich heiser
gesprochen! - B: So bin ich widerlegt. Reden wir nicht weiter
davon.
233.
Die "Gewissenhaften". - Habt ihr Acht gegeben,
was für Menschen am meisten Werth auf strengste Gewissenhaftigkeit
legen? Die, welche sich vieler erbärmlicher Empfindungen
bewusst sind, ängstlich von sich und an sich denken und Angst
vor Anderen haben, die ihr Inneres so sehr wie möglich verbergen
wollen, - sie suchen sich selber zu imponiren, durch jene Strenge
der Gewissenhaftigkeit und Härte der Pflicht, vermöge
des strengen und harten Eindrucks, den Andere von ihnen dadurch
bekommen müssen (namentlich Untergebene).
234.
Scheu vor dem Ruhme. - A: Dass Einer seinem Ruhme ausweicht,
dass Einer seinen Lobredner absichtlich beleidigt, dass Einer
sich scheut, Urtheile über sich zu hören, aus Scheu
vor dem Lobe, - das findet man, das giebt es, - glaubt oder glaubt
es nicht! - B: Das findet sich, das giebt sich! Nur etwas Geduld,
Junker Hochmuth! -
235.
Dank abweisen. - Man darf wohl eine Bitte abweisen, aber
nimmermehr darf man einen Dank abweisen (oder, was das Selbe ist,
ihn kalt und conventionell annehmen). Diess beleidigt tief - und
warum?
236.
Strafe. - Ein seltsames Ding, unsere Strafe! Sie reinigt
nicht den Verbrecher, sie ist kein Abbüssen: im Gegentheil,
sie beschmutzt mehr, als das Verbrechen selber.
237.
Eine Parteinoth. - Es giebt eine lächerliche, aber
nicht ungefährliche Betrübniss fast in jeder Partei:
an ihr leiden alle Die, welche die jahrelangen, treuen und ehrenwerthen
Verfechter der Parteimeinung waren und plötzlich, eines Tages,
merken, dass ein viel Mächtigerer die Trompete in die Hand
genommen hat. Wie wollen sie es ertragen, stumm gemacht zu sein!
Und so werden sie laut und mitunter in neuen Tönen.
238.
Das Streben nach Anmuth. - Wenn eine starke Natur nicht
den Hang der Grausamkeit hat und nicht immer von sich selber occupirt
ist, so strebt sie unwillkürlich nach Anmuth, - diess ist
ihr Abzeichen. Die schwachen Charaktere dagegen lieben die herben
Urtheile, - sie gesellen sich zu den Helden der Menschenverachtung,
zu den religiösen oder philosophischen Anschwärzern
des Daseins oder ziehen sich hinter strenge Sitten und peinliche
"Lebensberufe" zurück: so suchen sie sich einen
Charakter und eine Art Stärke zu schaffen. Und diess thun
sie ebenfalls unwillkürlich.
239.
Wink für Moralisten. - Unsere Musiker haben eine grosse
Entdeckung gemacht: die interessante Hässlichkeit ist auch
in ihrer Kunst möglich! Und so werfen sie sich in diesen
eröffneten Ozean des Hässlichen, wie trunken, und noch
niemals war es so leicht, Musik zu machen. Jetzt hat man erst
den allgemeinen dunkelfarbigen Hintergrund gewonnen, auf dem ein
noch so kleiner Lichtstreifen schöner Musik den Glanz von
Gold und Smaragd erhält; jetzt wagt man erst den Zuhörer
in Sturm, Empörung und ausser Athem zu bringen, um ihm nachher
durch einen Augenblick des Hinsinkens in Ruhe ein Gefühl
der Seligkeit zu geben, welches der Schätzung der Musik überhaupt
zu Gute kommt. Man hat den Contrast entdeckt: jetzt erst sind
die stärksten Effecte möglich - und wohlfeil: Niemand
fragt mehr nach guter Musik. Aber ihr müsst euch beeilen!
Es ist für jede Kunst nur eine kurze Spanne Zeit noch, wenn
sie erst zu dieser Entdeckung gelangt ist. - Oh, wenn unsere Denker
Ohren hätten, um in die Seelen unserer Musiker, vermittelst
ihrer Musik, hineinzuhören! Wie lange muss man warten, ehe
solch eine Gelegenheit sich wiederfindet, den innerlichen Menschen
auf der bösen That und in der Unschuld dieser That zu ertappen!
Denn unsere Musiker haben nicht den leisesten Geruch davon, dass
sie ihre eigene Geschichte, die Geschichte der Verhässlichung
der Seele, in Musik setzen. Ehemals musste der gute Musiker beinahe
um seiner Kunst willen ein guter Mensch werden -. Und jetzt!
240.
Von der Moralität der Schaubühne. - Wer da meint,
Shakespeare's Theater wirke moralisch und der Anblick des Macbeth
ziehe unwiderstehlich vom Bösen des Ehrgeizes ab, der irrt
sich: und er irrt sich noch einmal, wenn er glaubt, Shakespeare
selber habe so empfunden wie er. Wer wirklich vom rasenden Ehrgeiz
besessen ist, sieht diess sein Bild mit Lust; und wenn der Held
an seiner Leidenschaft zu Grunde geht, so ist diess gerade die
schärfste Würze in dem heissen Getränke dieser
Lust. Empfand es der Dichter denn anders? Wie königlich,
und durchaus nicht schurkenhaft, läuft sein Ehrgeiziger vom
Augenblick des grossen Verbrechens an seine Bahn! Erst von da
ab zieht er "dämonisch" an und reizt ähnliche
Naturen zur Nachahmung auf; - dämonisch heisst hier: zum
Trotz gegen Vortheil und Leben, zu Gunsten eines Gedankens und
Triebes. Glaubt ihr denn, Tristan und Isolde gäben dadurch
eine Lehre gegen den Ehebruch, dass sie Beide an ihm zu Grunde
gehen? Diess hiesse die Dichter auf den Kopf stellen: welche,
wie namentlich Shakespeare, verliebt in die Leidenschaften an
sich sind, und nicht am geringsten in ihre todbereiten Stimmungen:
- jene, wo das Herz nicht fester mehr am Leben hängt, als
ein Tropfen am Glase. Nicht die Schuld und deren schlimmer Ausgang
liegt ihnen am Herzen, dem Shakespeare so wenig wie dem Sophokles
(im Ajax, Philoktet, Oedipus): so leicht es gewesen wäre,
in den genannten Fällen die Schuld zum Hebel des Drama's
zu machen, so bestimmt ist diess gerade vermieden. Ebensowenig
will der Tragödiendichter mit seinen Bildern des Lebens gegen
das Leben einnehmen! Er ruft vielmehr: "es ist der Reiz allen
Reizes, dieses aufregende, wechselnde, gefährliche, düstere
und oft sonnendurchglühte Dasein! Es ist ein Abenteuer, zu
leben, - nehmt diese oder jene Partei darin, immer wird es diesen
Charakter behalten!" - So spricht er aus einer unruhigen
und kraftvollen Zeit heraus, die von ihrer Überfülle
an Blut und Energie halb trunken und betäubt ist, - aus einer
böseren Zeit heraus, als die unsere ist: wesshalb wir nöthig
haben, uns den Zweck eines Shakespearlschen Drama's erst zurecht
und gerecht zu machen, das heisst, es nicht zu verstehen.
241.
Furcht und Intelligenz. - Wenn es wahr ist, was man jetzt
des Bestimmtesten behauptet, dass die Ursache des schwarzen Hautpigmentes
nicht im Lichte zu suchen sei: könnte es vielleicht die letzte
Wirkung häufiger und durch Jahrtausende gehäufter Wuthanfälle
sein (und Blutunterströmungen der Haut)? Während bei
anderen intelligenteren Stämmen das ebenso häufige Erschrecken
und Bleichwerden endlich die weisse Hautfarbe ergeben hätte?
- Denn der Grad der Furchtsamkeit ist ein Gradmesser der Intelligenz:
und sich oft der blinden Wuth überlassen, das Zeichen davon,
dass die Thierheit noch ganz nahe ist und sich wieder durchsetzen
möchte. - Braun-grau wäre also wohl die Urfarbe des
Menschen, - etwas Affen- und Bärenhaftes, wie billig.
242.
Unabhängigkeit. - Unabhängigkeit (in ihrer schwächsten
Dosis "Gedankenfreiheit" benannt) ist die Form der Entsagung,
welche der Herrschsüchtige endlich annimmt, - er, der lange
Das gesucht hat, was er beherrschen könnte, und Nichts gefunden
hat, als sich selber.
243.
Die zwei Richtungen. - Versuchen wir den Spiegel an sich
zu betrachten, so entdecken wir endlich Nichts, als die Dinge
auf ihm. Wollen wir die Dinge fassen, so kommen wir zuletzt wieder
auf Nichts, als auf den Spiegel. - Diess ist die allgemeinste
Geschichte der Erkenntniss.
244.
Freude am Wirklichen. - Unser jetziger Hang zur Freude
am Wirklichen - wir haben ihn fast Alle - ist nur daraus zu verstehen,
dass wir so lange und bis zum Überdruss Freude am Unwirklichen
gehabt haben. An sich ist es ein nicht unbedenklicher Hang, so
wie er jetzt auftritt, ohne Wahl und Feinheit: - seine mindeste
Gefahr ist die Geschmacklosigkeit.
245.
Feinheit des Machtgefühls. - Napoleon ärgerte
sich, schlecht zu sprechen, und belog sich hierüber nicht:
aber seine Herrschsucht, die keine Gelegenheit verschmähte
und feiner war, als sein feiner Geist, brachte ihn dahin, noch
schlechter zu sprechen, als er konnte. So rächte er sich
an seinem eignen Ärger (er war eifersüchtig auf alle
seine Affecte, weil sie Macht hatten) und genoss sein autokratisches
Belieben. Sodann, in Hinsicht auf Ohren und Urtheil der Hörenden,
genoss er diess Belieben noch einmal: wie als ob so zu ihnen zu
reden immer noch gut genug sei. Ja, er frohlockte im Geheimen
bei dem Gedanken, durch Blitz und Donner der höchsten Autorität
- welche im Bunde von Macht und Genialität liegt - das Urtheil
zu betäuben und den Geschmack irrezuführen; während
Beides in ihm kalt und stolz an der Wahrheit festhielt, dass er
schlecht spreche. - Napoleon, als ein vollkommen zu Ende gedachter
und ausgearbeiteter Typus Eines Triebes, gehört zu der antiken
Menschheit: deren Merkmale - der einfache Aufbau und das erfinderische
Ausbilden und Ausdichten Eines Motivs oder weniger Motive - leicht
genug zu erkennen sind.
246.
Aristoteles und die Ehe. - Bei den Kindern der grossen
Genie's bricht der Wahnsinn heraus, bei den Kindern der grossen
Tugendhaften der Stumpfsinn - bemerkt Aristoteles. Wollte er damit
die Ausnahme-Menschen zur Ehe einladen?
247.
Herkunft des schlechten Temperaments. - Das Ungerechte
und Sprunghafte im Gemüth mancher Menschen ihre Unordnung
und Maasslosigkeit sind die letzten Folgen unzähliger logischer
Ungenauigkeiten, Ungründlichkeiten und übereilter Schlüsse,
welcher sich ihre Vorfahren schuldig gemacht haben. Die Menschen
mit gutem Temperament dagegen stammen aus überlegsamen und
gründlichen Geschlechtern, welche die Vernunft hochgestellt
haben, - ob zu löblichen oder bösen Zwecken, das kommt
nicht so sehr in Betracht.
248.
Verstellung als Pflicht. - Am meisten ist die Güte
durch die lange Verstellung, welche Güte zu scheinen suchte,
entwickelt worden: überall, wo grosse Macht bestand, wurde
die Nothwendigkeit gerade dieser Art von Verstellung eingesehen,
- sie flösst Sicherheit und Vertrauen ein und verhundertfacht
die wirkliche Summe der physischen Macht. Die Lüge ist, wenn
nicht die Mutter, so doch die Amme der Güte. Die Ehrlichkeit
ist ebenfalls am meisten durch die Anforderung eines Anscheins
der Ehrlichkeit und Biederkeit grossgezogen worden: in den erblichen
Aristokratien. Aus der dauernden Übung einer Verstellung
entsteht zuletzt Natur: die Verstellung hebt sich am Ende selber
auf, und Organe und Instincte sind die kaum erwarteten Früchte
im Garten der Heuchelei.
249.
Wer ist denn je allein! - Der Furchtsame weiss nicht, was
Alleinsein ist: hinter seinem Stuhle steht immer ein Feind. -
Oh, wer die Geschichte jenes feinen Gefühls, welches Einsamkeit
heisst, uns erzählen könnte!
250.
Nacht und Musik. - Das Ohr, das Organ der Furcht, hat sich
nur in der Nacht und in der Halbnacht dunkler Wälder und
Höhlen so reich entwickeln können, wie es sich entwickelt
hat, gemäss der Lebensweise des furchtsamen, das heisst des
allerlängsten menschlichen Zeitalters, welches es gegeben
hat: im Hellen ist das Ohr weniger nöthig. Daher der Charakter
der Musik, als einer Kunst der Nacht und Halbnacht.
251.
Stoisch. - Es giebt eine Heiterkeit des Stoikers, wenn
er sich von dem Ceremoniell beengt fühlt, das er selber seinem
Wandel vorgeschrieben hat, er geniesst sich dabei als Herrschenden.
252.
Man erwäge. - Der gestraft wird, ist nicht mehr Der,
welcher die That gethan hat. Er ist immer der Sündenbock.
253.
Augenschein. - Schlimm! Schlimm! Was man am besten, am
hartnäckigsten beweisen muss, das ist der Augenschein. Denn
Allzuvielen fehlen die Augen, ihn zu sehen. Aber es ist so langweilig!
254.
Die Vorwegnehmenden. - Das Auszeichnende, aber auch Gefährliche
in den dichterischen Naturen ist ihre erschöpfende Phantasie:
die, welche Das, was wird und werden könnte, vorweg nimmt,
vorweg geniesst, vorweg erleidet und im endlichen Augenblick des
Geschehens und der That bereits müde ist. Lord Byron, der
diess Alles zu gut kannte, schrieb in sein Tagebuch: "Wenn
ich einen Sohn habe, so soll er etwas ganz Prosaisches werden
- Jurist oder Seeräuber."
255.
Gespräch über Musik. - A: Was sagen Sie zu dieser
Musik? - B: Sie hat mich überwältigt, ich habe gar Nichts
zu sagen. Horch! Da beginnt sie von Neuem! - A.- Um so besser!
Sehen wir zu, dass wir sie diessmal überwältigen. Darf
ich einige Worte zu dieser Musik machen? Und Ihnen auch ein Drama
zeigen, welches Sie vielleicht beim ersten Hören nicht sehen
wollten? - B: Wohlan! ich habe zwei Ohren und mehr, wenn es nöthig
ist. Rücken Sie dicht an mich heran! - A: - Diess ist es
noch nicht, was er uns sagen will, er verspricht bisher nur, dass
er Etwas sagen werde, etwas Unerhörtes, wie er mit diesen
Gebärden zu verstehen giebt. Denn Gebärden sind es.
Wie er winkt! sich hoch aufrichtet! die Arme wirft! Und jetzt
scheint ihm der höchste Augenblick der Spannung gekommen:
noch zwei Fanfaren, und er führt sein Thema vor, prächtig
und geputzt, wie klirrend von edlen Steinen. Ist es eine schöne
Frau? Oder ein schönes Pferd? Genug, er sieht entzückt
um sich, denn er hat Blicke des Entzückens zu sammeln, -
jetzt erst gefällt ihm sein Thema ganz, jetzt wird er erfindsam,
wagt neue und kühne Züge. Wie er sein Thema heraustreibt!
Ah! Geben Sie Acht, - er versteht nicht nur, es zu schmücken,
sondern auch zu schminken! Ja, er weiss, was Farbe der Gesundheit
ist, er versteht sich darauf, sie erscheinen zu lassen, - er ist
feiner in seiner Selbstkenntniss, als ich dachte. Und jetzt ist
er überzeugt, dass er seine Hörer überzeugt hat,
er giebt seine Einfälle, als seien es die wichtigsten Dinge
unter der Sonne, er hat unverschämte Fingerzeige auf sein
Thema, als sei es zu gut für diese Welt. - Ha, wie misstrauisch
er ist! Dass wir nur nicht müde werden! So verschüttet
er seine Melodien unter Süssigkeiten, - jetzt ruft er sogar
unsere gröberen Sinne an, um uns aufzuregen und so wieder
unter seine Gewalt zu bringen! Hören Sie, wie er das Elementarische
stürmischer und donnernder Rhythmen beschwört! Und jetzt,
da er merkt, dass diese uns fassen, würgen und beinahe zerdrücken,
wagt er es, sein Thema wieder in's Spiel der Elemente zu mischen
und uns Halbbetäubte und Erschütterte zu überreden,
unsere Betäubung und Erschütterung sei die Wirkung seines
Wunder-Thema's. Und fürderhin glauben es ihm die Zuhörer:
sobald es erklingt, entsteht in ihnen eine Erinnerung an jene
erschütternde Elementarwirkung, - diese Erinnerung kommt
jetzt dem Thema zu Gute, - es ist nun "dämonisch"
geworden! Was für ein Kenner der Seele er ist! Er gebietet
mit den Künsten eines Volksredners über uns. - Aber
die Musik verstummt! - B: Und gut, dass sie es thut! denn ich
kann es nicht mehr ertragen, Sie zu hören! Zehnmal lieber
will ich doch mich täuschen lassen, als Einmal in Ihrer Art
die Wahrheit zu wissen! - A: Diess ist es, was ich von Ihnen hören
wollte. So, wie Sie, sind die Besten jetzt: ihr seid zufrieden
damit, euch täuschen zu lassen! Ihr kommt mit groben und
lüsternen Ohren, ihr bringt das Gewissen der Kunst zum Hören
nicht mit, ihr habt eure feinste Redlichkeit unterwegs weggeworfen!
Und damit verderbt ihr die Kunst und die Künstler! Immer,
wenn ihr klatscht und jubelt, habt ihr das Gewissen der Künstler
in den Händen, - und wehe, wenn sie merken, dass ihr zwischen
unschuldiger und schuldiger Musik nicht unterscheiden könnt!
Ich meine wahrlich nicht "gute" und "schlechte"
Musik, - von dieser und jener giebt es in beiden Arten! Aber ich
nenne eine unschuldige Musik jene, welche ganz und gar nur an
sich denkt, an sich glaubt, und über sich die Welt vergessen
hat, - das Von-selber-Ertönen der tiefsten Einsamkeit, die
über sich mit sich redet und nicht mehr weiss, dass es Hörer
und Lauscher und Wirkungen und Missverständnisse und Misserfolge
da draussen giebt. - Zuletzt: die Musik, welche wir eben hörten,
ist gerade von dieser edlen und seltenen Art, und Alles, was ich
von ihr sagte, war erlogen, - verzeihen Sie meine Bosheit, wenn
Sie Lust haben! - B: Oh, Sie lieben also diese Musik auch? Dann
sind Ihnen viele Sünden vergeben!
256.
Glück der Bösen. - Diese stillen, düsteren,
bösen Menschen haben Etwas, das ihr ihnen nicht streitig
machen könnt, einen seltenen und seltsamen Genuss im dolce
far niente, eine Abend- und Sonnenuntergangs-Ruhe, wie sie nur
ein Herz kennt, das allzu oft durch Affecte verzehrt, zerrissen,
vergiftet worden ist.
257.
Worte in uns gegenwärtig. - Wir drücken unsere
Gedanken immer mit den Worten aus, die uns zur Hand sind. Oder
um meinen ganzen Verdacht auszudrücken: wir haben in jedem
Momente eben nur den Gedanken, für welchen uns die Worte
zur Hand sind, die ihn ungefähr auszudrücken vermögen.
258.
Dem Hunde schmeicheln. - Man muss diesem Hunde nur einmal
das Fell streichen: sofort knistert er und sprüht Funken,
wie jeder andere Schmeichler - und ist geistreich auf seine Art.
Warum sollten wir ihn nicht so ertragen!
259.
Der ehemalige Lobredner. - "Er ist stumm über
mich geworden, obwohl er die Wahrheit jetzt weiss und sie sagen
könnte. Aber sie würde wie Rache klingen - und er achtet
die Wahrheit so hoch, der Achtungswürdige!
260.
Amulet der Abhängigen. - Wer unvermeidlich von einem
Gebieter abhängig ist, soll Etwas haben, wodurch er Furcht
einflösst und den Gebieter im Zaume hält, zum Beispiel
Rechtschaffenheit oder Aufrichtigkeit oder eine böse Zunge.
261.
Warum so erhaben! - Oh, ich kenne diess Gethier! Freilich
gefällt es sich selber besser, wenn es auf zwei Beinen "wie
ein Gott" daher schreitet, - aber wenn es wieder auf seine
vier Füsse zurückgefallen ist, gefällt es mir besser:
diess steht ihm so unvergleichlich natürlicher!
262.
Der Dämon der Macht. - Nicht die Nothdurft, nicht
die Begierde, - nein, die Liebe zur Macht ist der Dämon der
Menschen. Man gebe ihnen Alles, Gesundheit, Nahrung, Wohnung,
Unterhaltung, - sie sind und bleiben unglücklich und grillig:
denn der Dämon wartet und wartet und will befriedigt sein.
Man nehme ihnen Alles und befriedige diesen: so sind sie beinahe
glücklich, - so glücklich als eben Menschen und Dämonen
sein können. Aber warum sage ich diess noch? Luther hat es
schon gesagt, und besser als ich, in den Versen: "Nehmen
sie uns den Leib, Gut, Ehr', Kind und Weib: lass fahren dahin,
- das Reich muss uns doch bleiben!" Ja! Ja! Das "Reich"!
263.
Der Widerspruch leibhaft und beseelt. - Im sogenannten
Genie ist ein physiologischer Widerspruch, es besitzt einmal viele
wilde, unordentliche, unwillkürliche Bewegung und sodann
wiederum viele höchste Zweckthätigkeit der Bewegung,
- dabei ist ihm ein Spiegel zu eigen, der beide Bewegungen neben
einander und in einander, aber auch oft genug wider einander zeigt.
In Folge dieses Anblicks ist es oft unglücklich, und wenn
es ihm am wohlsten wird, im Schaffen, so ist es, weil es vergisst,
dass es gerade jetzt mit höchster Zweckthätigkeit etwas
Phantastisches und Unvernünftiges thut (das ist alle Kunst)
- thun muss.
264.
Sich irren wollen. - Neidische Menschen mit feinerer Witterung
suchen ihren Rivalen nicht genauer kennen zu lernen, um sich ihm
überlegen fühlen zu können.
265.
Das Theater hat seine Zeit. - Wenn die Phantasie eines
Volkes nachlässt, entsteht der Hang in ihm, seine Sagen sich
auf der Bühne vorführen zu lassen, jetzt erträgt
es die groben Ersatzstücke der Phantasie, - aber für
jenes Zeitalter, dem der epische Rhapsode zugehört, ist das
Theater und der als Held verkleidete Schauspieler ein Hemmschuh
anstatt ein Flügel der Phantasie: zu nah, zu bestimmt, zu
schwer, zu wenig Traum und Vogelflug.
266.
Ohne Anmuth. - Er hat einen Mangel an Anmuth, und weiss
es: oh, wie er es versteht, diess zu maskiren! Durch strenge Tugend,
durch Düsterkeit des Blickes, durch angenommenes Misstrauen
gegen die Menschen und das Dasein, durch derbe Possen, durch Verachtung
der feineren Lebensart, durch Pathos und Ansprüche, durch
cynische Philosophie, - ja, er ist zum Charakter geworden, im
steten Bewusstsein seines Mangels.
267.
Warum so stolz - Ein edler Charakter unterscheidet sich
von einem gemeinen dadurch, dass er eine Anzahl Gewohnheiten und
Gesichtspuncte nicht zur Hand hat, wie jener: sie sind ihm zufällig
nicht vererbt und nicht anerzogen.
268.
Scylla und Charybdis des Redners. - Wie schwer war es in
Athen, so zu sprechen, dass man die Zuhörer für die
Sache gewann, ohne sie durch die Form abzustossen oder von der
Sache mit ihr abzuziehen! Wie schwer ist es noch in Frankreich,
so zu schreiben!
269.
Die Kranken und die Kunst. - Gegen jede Art von Trübsal
und Seelen-Elend soll man zunächst versuchen: Veränderung
der Diät und körperliche derbe Arbeit. Aber die Menschen
sind gewohnt, in diesem Falle nach Mitteln der Berauschung zu
greifen: zum Beispiel nach der Kunst, - zu ihrem und der Kunst
Unheil! Merkt ihr nicht, dass, wenn ihr als Kranke nach der Kunst
verlangt, ihr die Künstler krank macht?
270.
Anscheinende Toleranz. - Es sind diess gute, wohlwollende,
verständige Worte über und für die Wissenschaft,
aber! aber! ich sehe hinter diese eure Toleranz gegen die Wissenschaft!
Im Winkel eures Herzens meint ihr trotz alledem, sie sei euch
nicht nöthig, es sei grossmüthig von euch, sie gelten
zu lassen, ja, ihre Fürsprecher zu sein, zumal die Wissenschaft
gegen eure Meinungen nicht diese Grossmuth übe! Wisst ihr,
dass ihr gar kein Recht zu dieser Toleranz-Übung habt? dass
diese huldreiche Gebärde eine gröbere Verunglimpfung
der Wissenschaft ist, als ein offener Hohn, welchen sich irgend
ein übermüthiger Priester oder Künstler gegen sie
erlaubt? Es fehlt euch jenes strenge Gewissen für Das, was
wahr und wirklich ist, es quält und martert euch nicht, die
Wissenschaft im Widerspruch mit euren Empfindungen zu finden,
ihr kennt die gierige Sehnsucht der Erkenntniss nicht als ein
Gesetz über euch waltend, ihr fühlt keine Pflicht in
dem Verlangen, mit dem Auge überall gegenwärtig zu sein,
wo erkannt wird, Nichts sich entschlüpfen zu lassen, was
erkannt ist. Ihr kennt Das nicht, was ihr so tolerant behandelt!
Und nur, weil ihr es nicht kennt, gelingt es euch, so gnädige
Mienen anzunehmen! Ihr, gerade ihr würdet erbittert und fanatisch
blicken, wenn die Wissenschaft euch einmal in's Gesicht leuchten
wollte, mit ihren Augen - Was kümmert es uns also, dass ihr
Toleranz übt - gegen ein Phantom! und nicht einmal gegen
uns! Und was liegt an uns!
271.
Die Feststimmung. - Gerade für jene Menschen, welche
am hitzigsten nach Macht streben, ist es unbeschreiblich angenehm,
sich überwältigt zu fühlen! Plötzlich und
tief in ein Gefühl, wie in einen Strudel hinabzusinken! Sich
die Zügel aus der Hand reissen zu lassen, und einer Bewegung
wer weiss wohin? zuzusehen! Wer es ist, was es ist, das uns diesen
Dienst leistet, - es ist ein grosser Dienst: wir sind so glücklich
und athemlos und fühlen eine Ausnahme-Stille um uns wie im
mittelsten Grunde der Erde. Einmal ganz ohne Macht! Ein Spielball
von Urkräften! Es ist eine Ausspannung in diesem Glück,
ein Abwerfen der grossen Last, ein Abwärtsrollen ohne Mühen
wie in blinder Schwerkraft. Es ist der Traum des Bergsteigers,
der sein Ziel zwar oben hat, aber unterwegs aus tiefer Müdigkeit
einmal einschläft und vom Glück des Gegensatzes - eben
vom mühelosesten Abwärtsrollen - träumt. - Ich
beschreibe das Glück, wie ich es mir bei unserer jetzigen
gehetzten, machtdürstigen Gesellschaft Europas und Amerika's
denke. Hier und da wollen sie einmal in die Ohnmacht zurücktaumeln,
- diesen Genuss bieten ihnen Kriege, Künste, Religionen,
Genie's. Wenn man sich einem Alles verschlingenden und zerdrückenden
Eindruck einmal zeitweilig überlassen hat - es ist die moderne
Feststimmung! - dann ist man wieder freier, erholter, kälter,
strenger und strebt unermüdlich nach dem Gegentheil weiter:
nach Macht. -
272.
Die Reinigung der Rasse. - Es giebt wahrscheinlich keine
reinen, sondern nur reingewordene Rassen, und diese in grosser
Seltenheit. Das Gewöhnliche sind die gekreuzten Rassen, bei
denen sich immer, neben der Disharmonie von Körperformen
(zum Beispiel wenn Auge und Mund nicht zu einander stimmen), auch
Disharmonien der Gewohnheiten und Werthbegriffe finden müssen.
(Livingstone hörte Jemand sagen: "Gott schuf weisse
und schwarze Menschen, der Teufel aber schuf die Halbrassen".)
Gekreuzte Rassen sind stets zugleich auch gekreuzte Culturen,
gekreuzte Moralitäten: sie sind meistens böser, grausamer,
unruhiger. Die Reinheit ist das letzte Resultat von zahllosen
Anpassungen, Einsaugungen und Ausscheidungen, und der Fortschritt
zur Reinheit zeigt sich darin, dass die in einer Rasse vorhandene
Kraft sich immer mehr auf einzelne ausgewählte Functionen
beschränkt, während sie vordem zu viel und oft Widersprechendes
zu besorgen hatte: eine solche Beschränkung wird sich immer
zugleich auch wie eine Verarmung ausnehmen und will vorsichtig
und zart beurtheilt sein. Endlich aber, wenn der Process der Reinigung
gelungen ist, steht alle jene Kraft, die früher bei dem Kampfe
der disharmonischen Eigenschaften daraufgieng, dem gesammten Organismus
zu Gebote: wesshalb reingewordene Rassen immer auch stärker
und schöner geworden sind. - Die Griechen geben uns das Muster
einer reingewordenen Rasse und Cultur: und hoffentlich gelingt
einmal auch eine reine europäische Rasse und Cultur.
273.
Das Loben. - Hier ist Einer, dem du anmerkst, dass er dich
loben will: du beisst die Lippen zusammen, das Herz wird geschnürt:
ach, dass der Kelch vorübergienge! Aber er geht nicht, er
kommt! Trinken wir also die süsse Unverschämtheit des
Lobredners, überwinden wir den Ekel und die tiefe Verachtung
für den Kern seines Lobes, ziehen wir die Falten der dankbaren
Freude über's Gesicht! - er hat uns ja wohlthun wollen! Und
jetzt, nachdem es geschehen, wissen wir, dass er sich sehr erhaben
fühlt, er hat einen Sieg über uns errungen, - ja! und
auch über sich selber, der Hund! - denn es wurde ihm nicht
leicht, sich diess Lob abzuringen.
274.
Menschenrecht und -vorrecht. - Wir Menschen sind
die einzigen Geschöpfe, welche, wenn sie missrathen, sich
selber durchstreichen können wie einen missrathenen Satz,
- sei es, dass wir diess zur Ehre der Menschheit oder aus Mitleiden
mit ihr oder aus Widerwillen gegen uns thun.
275.
Der Verwandelte. - jetzt wird er tugendhaft, nur um Anderen
wehe damit zu thun. Seht nicht soviel nach ihm hin!
276.
Wie oft! Wie unverhofft! - Wie viele verheirathete Männer
haben den Morgen erlebt, wo es ihnen tagte, dass ihre junge Gattin
langweilig ist und das Gegentheil glaubt! Gar nicht zu reden von
jenen Weibern, deren Fleisch willig und deren Geist schwach ist!
277.
Warme und kalte Tugenden. - Den Muth als kalte Herzhaftigkeit
und Unerschütterlichkeit und den Muth als hitzige, halbblinde
Bravour, - beides nennt man mit Einem Namen! Wie verschieden sind
doch die kalten Tugenden von den warmen! Und Narr wäre Der,
welcher meinte, das "Gutsein" werde nur durch die Wärme
hinzugethan: und kein geringerer Narr Der, welcher es nur der
Kälte zuschreiben wollte! Die Wahrheit ist, dass die Menschheit
den warmen und den kalten Muth sehr nützlich gefunden hat,
und überdiess nicht häufig genug, um ihn nicht in beiden
Farben unter die Edelsteine zu rechnen.
278.
Das verbindliche Gedächtniss. - Wer einen hohen Rang
hat, thut gut, sich ein verbindliches Gedächtniss anzuschaffen,
das heisst, sich von den Personen alles mögliche Gute zu
merken und dahinter einen Strich zu machen: damit hält man
sie in einer angenehmen Abhängigkeit. So kann der Mensch
auch mit sich selber verfahren: ob er ein verbindliches Gedächtniss
hat oder nicht, das entscheidet zuletzt über seine eigene
Haltung zu sich selber, über die Vornehmheit, Güte oder
das Misstrauen bei der Beobachtung seiner Neigungen und Absichten
und zuletzt wieder über die Art der Neigungen und Absichten
selber.
279.
Worin wir Künstler werden. - Wer Jemanden zu seinem
Abgott macht, versucht, sich vor sich selber zu rechtfertigen,
indem er ihn in's Ideal erhebt; er wird zum Künstler daran,
um ein gutes Gewissen zu haben. Wenn er leidet, so leidet er nicht
am Nicht wissen, sondern am Sich-belügen, als ob er nicht
wüsste. - Die innere Noth und Lust eines solchen Menschen
- und alle leidenschaftlich Liebenden gehören dazu - ist
mit gewöhnlichen Eimern nicht auszuschöpfen.
280.
Kindlich. - Wer lebt, wie die Kinder - also nicht um sein
Brod kämpft und nicht glaubt, dass seinen Handlungen eine
endgültige Bedeutung zukomme - bleibt kindlich.
281.
Das Ich will Alles haben. - Es scheint, dass der Mensch
überhaupt nur handelt, um zu besitzen: wenigstens legen die
Sprachen diesen Gedanken nahe, welche alles vergangene Handeln
so betrachten, als ob wir damit Etwas besässen ("ich
habe gesprochen, gekämpft, gesiegt": das ist, ich bin
nun im Besitze meines Spruches, Kampfes, Sieges). Wie habsüchtig
nimmt sich hierbei der Mensch aus! Selbst die Vergangenheit sich
nicht entwinden lassen, gerade auch sie noch haben wollen!
282.
Gefahr in der Schönheit. - Diese Frau ist schön
und klug: ach, wie viel klüger aber würde sie geworden
sein, wenn sie nicht schön wäre!
283.
Hausfrieden und Seelenfrieden. - Unsere gewöhnliche
Stimmung hängt von der Stimmung ab, in der wir unsere Umgebung
zu erhalten wissen.
284.
Das Neue als alt vorbringen. - Viele erscheinen, gereizt,
wenn man ihnen eine Neuigkeit erzählt, sie empfinden das
Übergewicht, welches die Neuigkeit Dem giebt, der sie früher
weiss.
285.
Wo hört das Ich auf? - Die Meisten nehmen eine Sache,
die sie wissen, unter ihre Protection, wie als ob das Wissen sie
schon zu ihrem Eigenthum mache. Die Aneignungslust des Ichgefühls
hat keine Gränzen: die grossen Männer reden so, als
ob die ganze Zeit hinter ihnen stünde und sie der Kopf dieses
langen Leibes seien, und die guten Frauen rechnen sich die Schönheit
ihrer Kinder, ihrer Kleider, ihres Hundes, ihres Arztes, ihrer
Stadt zum Verdienste und wagen es nur nicht, zu sagen "das
Alles bin ich". Chi non ha, non sagt man in Italien.
286.
Haus- und Schoossthiere und Verwandtes. - Giebt
es etwas Ekelhafteres, als die Sentimentalität gegen Pflanzen
und Thiere, von Seiten eines Geschöpfes, das wie der wüthendste
Feind von Anbeginn unter ihnen gehaust hat und zuletzt bei seinen
geschwächten und verstümmelten Opfern gar noch auf zärtliche
Gefühle Anspruch erhebt! Vor dieser Art "Natur"
geziemt dem Menschen vor Allem Ernst, wenn anders er ein denkender
Mensch ist.
287.
Zwei Freunde. - Es waren Freunde, aber sie haben aufgehört,
es zu sein, und sie knüpften von beiden Seiten zugleich ihre
Freundschaft los, der Eine, weil er sich zu sehr verkannt glaubte,
der Andere, weil er sich zu sehr erkannt glaubte - und Beide haben
sich dabei getäuscht! - denn Jeder von ihnen kannte sich
selber nicht genug.
288.
Komödie der Edlen. - Die, welchen die edle herzliche
Vertraulichkeit nicht gelingt, versuchen es, ihre edle Natur durch
Zurückhaltung und Strenge und eine gewisse Geringschätzung
der Vertraulichkeit errathen zu lassen: wie als ob das starke
Gefühl ihres Vertrauens Scham hätte, sich zu zeigen.
289.
Wo man Nichts gegen eine Tugend sagen darf. - Unter den
Feiglingen ist es von schlechtem Tone, etwas gegen die Tapferkeit
zu sagen, und erregt Verachtung; und rücksichtslose Menschen
zeigen sich erbittert, wenn Etwas gegen das Mitleiden gesagt wird.
290.
Eine Vergeudung. - Bei erregbaren und plötzlichen
Naturen sind die ersten Worte und Handlungen meisthin unbezeichnend
für ihren eigentlichen Charakter (sie werden durch die Umstände
eingegeben und sind gleichsam Nachahmungen vom Geiste der Umstände),
aber weil sie einmal gesprochen und gethan sind, so müssen
die später nachkommenden eigentlichen Charakterworte und
Charakterhandlungen häufig im Ausgleichen oder im Wieder-gut-
oder - vergessen-Machen daraufgehen.
291.
Anmaassung. - Anmaassung ist ein gespielter und erheuchelter
Stolz; dem Stolze aber ist gerade eigenthümlich, dass er
kein Spiel, keine Verstellung und Heuchelei kann und mag, - insofern
ist die Anmaassung die Heuchelei der Unfähigkeit zur Heuchelei,
etwas sehr Schweres und meist Misslingendes. Gesetzt aber, dass
er sich, wie gewöhnlich geschieht, dabei verräth, so
erwartet den Anmaassenden eine dreifache Unannehmlichkeit: man
zürnt ihm, weil er uns betrügen will, und zürnt
ihm, weil er sich über uns hat erhaben zeigen wollen, - und
zuletzt lacht man noch über ihn, weil ihm Beides missrathen
ist. Wie sehr ist also von der Anmaassung abzurathen!
292.
Eine Art Verkennung. - Wenn wir Jemanden sprechen hören,
so genügt oft der Klang eines einzigen Consonanten (zum Beispiel
eines r), um uns einen Zweifel über die Ehrlichkeit seiner
Empfindung einzuflössen: wir sind diesen Klang nicht gewöhnt
und würden ihn machen müssen, mit Willkür, - er
klingt uns "gemacht". Hier ist ein Gebiet der gröbsten
Verkennung: und das Selbe gilt vom Stile eines Schriftstellers,
der Gewohnheiten hat, welche nicht aller Welt Gewohnheiten sind.
Seine "Natürlichkeit" wird nur von ihm als solche
empfunden, und gerade mit dem, was er selber als "gemacht"
fühlt, weil er damit einmal der Mode und dem sogenannten
"guten Geschmacke" nachgegeben hat, gefällt er
vielleicht und erregt Zutrauen.
293.
Dankbar. - Ein Gran dankbaren Sinnes und Pietät zu
viel: - und man leidet daran wie an einem Laster und geräth
mit seiner ganzen Selbständigkeit und Redlichkeit unter das
böse Gewissen.
294.
Heilige. - Die sinnlichsten Männer sind es, welche
vor den Frauen fliehn und den Leib martern müssen.
295.
Feinheit des Dienens. - Innerhalb der grossen Kunst des
Dienens gehört es zu den feinsten Aufgaben, einem unbändig
Ehrgeizigen zu dienen, der zwar der stärkste Egoist in Allem
ist, aber durchaus nicht dafür gelten will (es ist diess
gerade ein Stück seines Ehrgeizes), dem Alles nach Willen
und Laune geschehen muss und doch immer so, dass es den Anschein
hat, als ob er sich aufopferte und selten für sich selber
Etwas wollte.
296.
Das Duell. - Ich erachte es als einen Vortheil, sagte Jemand,
ein Duell haben zu können, wenn ich durchaus eines nöthig
habe; denn es giebt allezeit brave Kameraden um mich. Das Duell
ist der letzte übrig gebliebene, völlig ehrenvolle Weg
zum Selbstmord, leider ein Umschweif, und nicht einmal ein ganz
sicherer.
297.
Verderblich. - Man verdirbt einen Jüngling am sichersten,
wenn man ihn anleitet, den Gleichdenkenden höher zu achten,
als den Andersdenkenden.
298.
Der Heroen-Cultus und seine Fanatiker. - Der Fanatiker
eines Ideals, welches Fleisch und Blut hat, ist gewöhnlich
so lange im Rechte, als er verneint, und er ist furchtbar darin:
er kennt das Verneinte so gut wie sich selber, aus dem einfachsten
Grunde, dass er von dorther kommt, dort zu Hause ist und sich
im Geheimen immer fürchtet, dorthin noch zurückzumüssen,
- er will sich die Rückkehr unmöglich machen, durch
die Art, wie er verneint. Sobald er aber bejaht, macht er die
Augen halb zu und fängt an zu idealisiren (häufig auch
nur, um den zu Hause Gebliebenen damit wehe zu thun - ); man nennt
diess wohl etwas Künstlerisches, - gut, aber es ist auch
etwas Unredliches daran. Der Idealist einer Person stellt sich
diese Person so in die Ferne, dass er sie nicht mehr scharf sehen
kann - und nun deutet er, was er noch sieht, in's "Schöne"
um, das will sagen: in's Symmetrische, Weichlinienhafte, Unbestimmte.
Da er sein in der Ferne und Höhe schwebendes Ideal nunmehr
auch anbeten will, so hat er, zum Schutze vor dem profanum vulgus,
nöthig, einen Tempel für seine Anbetung zu bauen. Hierhin
bringt er alle ehrwürdigen und geweihten Gegenstände,
die er sonst noch besitzt, damit deren Zauber auch noch dem Ideal
zu Gute komme und es in dieser Nahrung wachse und immer göttlicher
werde. Zuletzt hat er wirklich seinen Gott fertig gemacht, - aber
wehe! es giebt Einen, der darum weiss, wie das zugegangen ist,
sein intellectuelles Gewissen, - und es giebt auch Einen, der
dagegen, ganz unbewusst, protestirt, nämlich der Vergöttlichte
selber, der nunmehr, in Folge von Cultus, Lobgesang und Weihrauch,
unausstehlich wird und augenscheinlich in abscheulicher Weise
sich als Nicht-Gott und All-zu-sehr-Mensch verräth. Hier
bleibt nun einem solchen Fanatiker nur noch Ein Ausweg: er lässt
sich und seines Gleichen geduldig misshandeln und interpretirt
das ganze Elend auch noch in majorem dei gloriam, durch eine neue
Gattung von Selbstbetrug und edler Lüge: er nimmt gegen sich
Partei und empfindet, als Gemisshandelter und als Interpret, dabei
Etwas wie ein Martyrium, - so steigt er auf den Gipfel seines
Dünkels. - Menschen dieser Art lebten zum Beispiel um Napoleon:
ja vielleicht ist gerade er es, der die romantische dem Geiste
der Aufklärung fremde Prostration vor dem "Genie"
und dem "Heros" unserem Jahrhundert in die Seele gegeben
hat, er, vor dem ein Byron sich nicht zu sagen schämte, er
sei ein "Wurm gegen solch ein Wesen". (Die Formeln einer
solchen Prostration sind von jenem alten anmaasslichen Wirr- und
Murrkopfe, Thomas Carlyle, gefunden worden, der ein langes Leben
darauf verwendet hat, die Vernunft seiner Engländer romantisch
zu machen: umsonst!)
299.
Anschein des Heroismus. - Sich mitten unter die Feinde
werfen, kann das Merkmal der Feigheit sein.
300.
Gnädig gegen den Schmeichler. - Die letzte Klugheit
der unersättlich Ehrgeizigen ist, ihre Menschenverachtung
nicht merken zu lassen, welche der Anblick der Schmeichler ihnen
einflösst: sondern gnädig auch gegen sie zu erscheinen,
wie ein Gott, der nicht anders als gnädig sein kann.
301.
"Charaktervoll". - "Was ich einmal gesagt
habe, das thue ich" - diese Denkweise gilt als charaktervoll.
Wie viele Handlungen werden gethan, nicht weil sie als die vernünftigsten
ausgewählt worden sind, sondern weil sie, als sie uns einfielen,
auf irgend welche Art unsere Ehrsucht und Eitelkeit gereizt haben,
sodass wir dabei verbleiben und sie blindlings durchsetzen! So
mehren sie bei uns selber den Glauben an unseren Charakter und
unser gutes Gewissen, also, im Ganzen, unsere Kraft: während
das Auswählen des möglichst Vernünftigen die Skepsis
gegen uns und dermaassen ein Gefühl der Schwäche in
uns unterhält.
302.
Einmal, zweimal und dreimal wahr! - Die Menschen lügen
unsäglich oft, aber sie denken hinterher nicht daran und
glauben im Ganzen nicht daran.
303.
Kurzweil des Menschenkenners. - Er glaubt mich zu kennen
und fühlt sich fein und wichtig, wenn er so und so mit mir
verkehrt: ich hüte mich, ihn zu enttäuschen. Denn ich
würde es zu entgelten haben, während er mir jetzt wohlwill,
da ich ihm ein Gefühl der wissenden Überlegenheit verschaffe.
- Da ist ein Anderer: der fürchtet sich, dass ich mir einbilde,
ihn zu kennen, und sieht sich dabei erniedrigt. So beträgt
er sich schauerlich und unbestimmt und sucht mich über sich
in die Irre zu führen, - um sich über mich wieder zu
erheben.
304.
Die Welt - Vernichter. - Diesem gelingt Etwas nicht;
schliesslich ruft er empört aus: "so möge doch
die ganze Welt zu Grunde gehen!" Dieses abscheuliche Gefühl
ist der Gipfel des Neides, welcher folgert: weil ich Etwas nicht
haben kann, soll alle Welt Nichts haben! soll alle Welt Nichts
sein
305.
Geiz. - Unser Geiz beim Kaufen nimmt mit der Wohlfeilheit
der Gegenstände zu, - warum? Ist es, dass die kleinen Preis-Unterschiede
eben erst das kleine Auge des Geizes machen?
306.
Griechisches Ideal. - Was bewunderten die Griechen an Odysseus?
Vor Allem die Fähigkeit zur Lüge und zur listigen und
furchtbaren Wiedervergeltung; den Umständen gewachsen sein;
wenn es gilt, edler erscheinen als der Edelste; sein können,
was man will ; heldenhafte Beharrlichkeit; sich alle Mittel zu
Gebote stellen; Geist haben - sein Geist ist die Bewunderung der
Götter, sie lächeln, wenn sie daran denken -: diess
Alles ist griechisches Ideal! Das Merkwürdigste daran ist,
dass hier der Gegensatz von Scheinen und Sein gar nicht gefühlt
und also auch nicht sittlich angerechnet wird. Gab es je so gründliche
Schauspieler!
307.
Facta! Ja Facta ficta. - Ein Geschichtsschreiber hat es
nicht mit dem, was wirklich geschehen ist, sondern nur mit den
vermeintlichen Ereignissen zu thun: denn nur diese haben gewirkt.
Ebenso nur mit den vermeintlichen Helden. Sein Thema, die sogenannte
Weltgeschichte, sind Meinungen über vermeintliche Handlungen
und deren vermeintliche Motive, welche wieder Anlass zu Meinungen
und Handlungen geben, deren Realität aber sofort wieder verdampft
und nur als Dampf wirkt, - ein fortwährendes Zeugen und Schwangerwerden
von Phantomen über den tiefen Nebeln der unergründlichen
Wirklichkeit. Alle Historiker erzählen von Dingen, die nie
existirt haben, ausser in der Vorstellung.
308.
Sich nicht auf den Handel verstehen ist vornehm. - Seine
Tugend nur zum höchsten Preise verkaufen oder gar mit ihr
Wucher treiben, als Lehrer, Beamter, Künstler, - macht aus
Genie und Begabung eine Krämer-Angelegenheit. Mit seiner
Weisheit soll man nun einmal nicht klug sein wollen!
309.
Furcht und Liebe. - Die Furcht hat die allgemeine Einsicht
über den Menschen mehr gefördert, als die Liebe, denn
die Furcht will errathen, wer der Andere ist, was er kann, was
er will: sich hierin zu täuschen, wäre Gefahr und Nachtheil.
Umgekehrt hat die Liebe einen geheimen Impuls, in dem Andern so
viel Schönes als möglich zu sehen oder ihn sich so hoch
als möglich zu heben: sich dabei zu täuschen, wäre
für sie eine Lust und ein Vortheil - und so thut sie es.
310.
Die Gutmüthigen. - Die Gutmüthigen haben ihr
Wesen durch die beständige Furcht erlangt, welche ihre Voreltern
vor fremden Übergriffen gehabt haben, - sie milderten, beschwichtigten,
baten ab, beugten vor, zerstreuten, schmeichelten, duckten sich,
verbargen den Schmerz, den Verdruss, glätteten sofort wieder
ihre Züge - und zuletzt vererbten sie diesen ganzen zarten
und wohlgespielten Mechanismus auf ihre Kinder und Enkel. Diesen
gab ein günstigeres Geschick keinen Anlass zu jener beständigen
Furcht: nichtsdestoweniger spielen sie beständig auf ihrem
Instrumente.
311.
Die sogenannte Seele. - Die Summe innerer Bewegungen, welche
dem Menschen leicht fallen und die er in Folge dessen gerne und
mit Anmuth thut, nennt man seine Seele; - er gilt als seelenlos,
wenn er Mühe und Härte bei inneren Bewegungen merken
lässt.
312.
Die Vergesslichen. - In den Ausbrüchen der Leidenschaft
und im Phantasiren des Traumes und des Irrsinns entdeckt der Mensch
seine und der Menschheit Vorgeschichte wieder: die Thierheit mit
ihren wilden Grimassen; sein Gedächtniss greift einmal weit
genug rückwärts, während sein civilisirter Zustand
sich aus dem Vergessen dieser Urerfahrungen, also aus dem Nachlassen
jenes Gedächtnisses entwickelt. Wer als ein Vergesslicher
höchster Gattung allem Diesen immerdar sehr fern geblieben
ist, versteht die Menschen nicht, - aber es ist ein Vortheil für
Alle, wenn es hier und da solche Einzelne giebt, welche "sie
nicht verstehen" und die gleichsam aus göttlichem Samen
gezeugt und von der Vernunft geboren sind.
313.
Der nicht mehr erwünschte Freund. - Den Freund, dessen
Hoffnungen man nicht befriedigen kann, wünscht man sich lieber
zum Feinde.
314.
Aus der Gesellschaft der Denker. - Inmitten des Ozeans
des Werdens wachen wir auf einem Inselchen, das nicht grösser
als ein Nachen ist, auf, wir Abenteuerer und Wandervögel,
und sehen uns hier eine kleine Weile um: so eilig und so neugierig
wie möglich, denn wie schnell kann uns ein Wind verwehen
oder eine Welle über das Inselchen hinwegspülen, sodass
Nichts mehr von uns da ist! Aber hier, auf diesem kleinen Raume,
finden wir andere Wandervögel und hören von früheren,
- und so leben wir eine köstliche Minute der Erkenntniss
und des Errathens, unter fröhlichem Flügelschlagen und
Gezwitscher mit einander und abenteuern im Geiste hinaus auf den
Ozean, nicht weniger stolz als er selber!
315.
Sich entäussern. - Etwas von seinem Eigenthume fahren
lassen, sein Recht aufgeben - macht Freude, wenn es grossen Reichthum
anzeigt. Dahin gehört die Grossmuth.
316.
Schwache Secten. - Die Secten, welche fühlen, dass
sie schwach bleiben werden, machen Jagd auf einzelne intelligente
Anhänger und wollen durch Qualität ersetzen, was ihnen
an Quantität abgeht. Hierin liegt keine geringe Gefahr für
die Intelligenten.
317.
Das Urtheil des Abends. - Wer über sein Tages und
Lebenswerk nachdenkt, wenn er am Ende und müde ist, kommt
gewöhnlich zu einer melancholischen Betrachtung: das liegt
aber nicht am Tage und am Leben, sondern an der Müdigkeit.
- Mitten im Schaffen nehmen wir uns gewöhnlich keine Zeit
zu Urtheilen über das Leben und das Dasein, und mitten im
Geniessen auch nicht: kommt es aber einmal doch dazu, so geben
wir Dem nicht mehr Recht, welcher auf den siebenten Tag und die
Ruhe wartete, um Alles, was da ist, sehr schön zu finden,
- er hatte den besseren Augenblick verpasst.
318.
Vorsicht vor den Systematikern! - Es giebt eine Schauspielerei
der Systematiker: indem sie ein System ausfüllen wollen und
den Horizont darum rund machen, müssen sie versuchen, ihre
schwächeren Eigenschaften im Stile ihrer stärkeren auftreten
zu lassen, - sie wollen vollständige und einartig starke
Naturen darstellen.
319.
Gastfreundschaft. - Der Sinn in den Gebräuchen der
Gastfreundschaft ist: das Feindliche im Fremden zu lähmen.
Wo man im Fremden nicht mehr zunächst den Feind empfindet,
nimmt die Gastfreundschaft ab; sie blüht, so lange ihre böse
Voraussetzung blüht.
320.
Vom Wetter. - Ein sehr ungewöhnliches und unberechenbares
Wetter macht die Menschen auch gegen einander misstrauisch; sie
werden dabei neuerungssüchtig, denn sie müssen von ihren
Gewohnheiten abgehen. Desshalb lieben die Despoten alle Länderstriche,
wo das Wetter moralisch ist.
321.
Gefahr in der Unschuld. - Die unschuldigen Menschen werden
in allen Stücken die Opfer, weil ihre Unwissenheit sie hindert,
zwischen Maass und Übermaass zu unterscheiden und bei Zeiten
vorsichtig gegen sich selber zu sein. So gewöhnen sich unschuldige,
das heisst unwissende junge Frauen an den häufigen Genuss
der Aphrodisien und entbehren ihn später sehr, wenn ihre
Männer krank oder frühzeitig welk werden; gerade die
harmlose und gläubige Auffassung, als ob diese häufige
Art, mit ihnen zu verkehren, das Recht und die Regel sei, bringt
sie zu einem Bedürfniss, welches sie später den heftigsten
Anfechtungen und Schlimmerem aussetzt. Aber ganz allgemein und
hoch genommen: wer einen Menschen und ein Ding liebt, ohne ihn
und es zu kennen, wird die Beute von Etwas, das er nicht lieben
würde, wenn er es sehen könnte. Überall, wo Erfahrenheit,
Vorsicht und abgewogene Schritte noth thun, wird gerade der Unschuldige
am gründlichsten verdorben werden, denn er muss mit blinden
Augen die Hefe und das unterste Gift jeder Sache austrinken. Man
erwäge die Praxis aller Fürsten, Kirchen, Secten, Parteien,
Körperschaften: wird nicht immer der Unschuldige als der
süsseste Köder zu den ganz gefährlichen und verruchten
Fällen verwendet? - so wie Odysseus den unschuldigen Neoptolemos
verwendet, um dem alten kranken Einsiedler und Unhold von Lemnos
den Bogen und die Pfeile abzulisten. - Das Christenthum, mit seiner
Verachtung der Welt, hat aus der Unwissenheit eine Tugend gemacht,
die christliche Unschuld, vielleicht weil das häufigste Resultat
dieser Unschuld eben, wie angedeutet, die Schuld, das Schuldgefühl
und die Verzweiflung ist, somit eine Tugend, welche auf dem Umweg
der Hölle zum Himmel führt: denn nun erst können
sich die düsteren Propyläen des christlichen Heils aufthun,
nun erst wirkt die Verheissung einer nachgeborenen zweiten Unschuld
sie ist eine der schönsten Erfindungen des Christenthums!
322.
Womöglich ohne Arzt leben. - Es will mir scheinen,
als ob ein Kranker leichtsinniger sei, wenn er einen Arzt hat,
als wenn er selber seine Gesundheit besorgt. Im ersten Falle genügt
es ihm, streng in Bezug auf alles Vorgeschriebene zu sein; im
andern Falle fassen wir Das, worauf jene Vorschriften abzielen,
unsere Gesundheit, mit mehr Gewissen in's Auge und bemerken viel
mehr, gebieten und verbieten uns viel mehr, als auf Veranlassung
des Arztes geschehen würde. - Alle Regeln haben diese Wirkung:
vom Zwecke hinter der Regel abzuziehen und leichtsinniger zu machen.
- Und wie würde der Leichtsinn der Menschheit in's Unbändige
und Zerstörerische gestiegen sein, wenn sie jemals vollkommen
ehrlich der Gottheit als ihrem Arzte Alles überlassen hätte,
nach dem Worte "wie Gott will"! -
323.
Verdunkelung des Himmels. - Kennt ihr die Rache der schüchternen
Menschen, welche sich in der Gesellschaft benehmen, als hätten
sie ihre Gliedmaassen gestohlen? Die Rache der demüthigen
christenmässigen Seelen, welche sich auf Erden überall
nur durchschleichen? Die Rache Derer, die immer sogleich urtheilen
und immer sogleich Unrecht bekommen? Die Rache der Trunkenbolde
aller Gattungen, denen der Morgen das Unheimlichste am Tage ist?
Desgleichen der Krankenbolde aller Gattungen, der Kränkelnden
und Gedrückten, welche nicht mehr den Muth haben, gesund
zu werden? Die Zahl dieser kleinen Rachsüchtigen und gar
die ihrer kleinen Rache-Acte ist ungeheuer; die ganze Luft schwirrt
fortwährend von den abgeschossenen Pfeilen und Pfeilchen
ihrer Bosheit, sodass die Sonne und der Himmel des Lebens dadurch
verdunkelt werden - nicht nur ihnen, sondern noch mehr uns, den
Anderen, Übrigen: was schlimmer ist, als dass sie uns allzu
oft Haut und Herz ritzen. Leugnen wir nicht mitunter Sonne und
Himmel, blos weil wir sie so lange nicht gesehen haben? - Also:
Einsamkeit! Auch darum Einsamkeit!
324.
Philosophie der Schauspieler. - Es ist der beglückende
Wahn der grossen Schauspieler, dass es den historischen Personen,
welche sie darstellen, wirklich so zu Muthe gewesen sei, wie ihnen
bei ihrer Darstellung, - aber sie irren sich stark darin: ihre
nachahmende und errathende Kraft, die sie gerne für ein hellseherisches
Vermögen ausgeben möchten, dringt nur gerade tief genug
ein, um Gebärden, Töne und Blicke und überhaupt
das Ausserliche zu erklären; das heisst, der Schatten von
der Seele eines grossen Helden, Staatsmannes, Kriegers, Ehrgeizigen,
Eifersüchtigen, Verzweifelnden wird von ihnen erhascht, sie
dringen bis nahe an die Seele, aber nicht bis in den Geist ihrer
Objecte. Das wäre freilich eine schöne Entdeckung, dass
es nur des hellseherischen Schauspielers bedürfe, statt aller
Denker, Kenner, Fachmänner, um in's Wesen irgend eines Zustandes
hinabzuleuchten! Vergessen wir doch nie, sobald derartige Anmaassungen
laut werden, dass der Schauspieler eben ein idealer Affe ist und
so sehr Affe, dass er an das "Wesen" und das "Wesentliche"
gar nicht zu glauben vermag: Alles wird ihm Spiel, Ton, Gebärde,
Bühne, Coulisse und Publicum.
325.
Abseits leben und glauben. - Das Mittel, um der Prophet
und Wundermann seiner Zeit zu werden, gilt heute noch wie vor
Alters: man lebe abseits, mit wenig Kenntnissen, einigen Gedanken
und sehr viel Dünkel, - endlich stellt sich der Glaube bei
uns ein, dass die Menschheit ohne uns nicht fortkommen könne,
weil wir nämlich ganz ersichtlich ohne sie fortkommen. Sobald
dieser Glaube da ist, findet man auch Glauben. Zuletzt ein Rath
für Den, der ihn brauchen mag (er wurde Wesley von seinem
geistlichen Lehrer Böhler gegeben): "Predige den Glauben,
bis du ihn hast, und dann wirst du ihn predigen, weil du ihn hast!"
-
326.
Seine Umstände kennen. - Unsere Kräfte können
wir abschätzen, aber nicht unsere Kraft. Die Umstände
verbergen und zeigen uns dieselbe nicht nur, - nein! sie vergrössern
und verkleinern sie. Man soll sich für eine variable Grösse
halten, deren Leistungsfähigkeit unter Umständen der
Begünstigung vielleicht der allerhöchsten gleichkommen
kann: man soll also über die Umstände nachdenken und
keinen Fleiss in deren Beobachtung scheuen.
327.
Eine Fabel. - Der Don Juan der Erkenntniss: er ist noch
von keinem Philosophen und Dichter entdeckt worden. Ihm fehlt
die Liebe zu den Dingen, welche er erkennt, aber er hat Geist,
Kitzel und Genuss an Jagd und Intriguen der Erkenntniss - bis
an die höchsten und fernsten Sterne der Erkenntniss hinauf!
- bis ihm zuletzt Nichts mehr zu erjagen übrig bleibt, als
das absolut Wehethuende der Erkenntniss, gleich dem Trinker, der
am Ende Absinth und Scheidewasser trinkt. So gelüstet es
ihn am Ende nach der Hölle, - es ist die letzte Erkenntniss,
die ihn verführt. Vielleicht, dass auch sie ihn enttäuscht,
wie alles Erkannte! Und dann müsste er in alle Ewigkeit stehen
bleiben, an die Enttäuschung festgenagelt und selber zum
steinernen Gast geworden, mit einem Verlangen nach einer Abendmahlzeit
der Erkenntniss, die ihm nie mehr zu Theil wird! - denn die ganze
Welt der Dinge hat diesem Hungrigen keinen Bissen mehr zu reichen.
328.
Worauf idealistische Theorien rathen lassen. - Man trifft
die idealistischen Theorien am sichersten bei den unbedenklichen
Praktikern; denn sie brauchen deren Lichtglanz für ihren
Ruf. Sie greifen darnach mit ihren Instincten und haben gar kein
Gefühl von Heuchelei dabei: so wenig ein Engländer mit
seiner Christlichkeit und Sonntagsheiligung sich als Heuchler
fühlt. Umgekehrt: den beschaulichen Naturen, welche sich
gegen alles Phantasiren in Zucht zu halten haben und auch den
Ruf der Schwärmerei scheuen, genügen allein die harten
realistischen Theorien: nach ihnen greifen sie mit der gleichen
instinctiven Nöthigung, und ohne ihre Ehrlichkeit dabei zu
verlieren.
329.
Die Verleumder der Heiterkeit. - Tief vom Leben verwundete
Menschen haben alle Heiterkeit verdächtigt, als ob sie immer
kindlich und kindisch sei und eine Unvernunft verrathe, bei deren
Anblick man nur Erbarmen und Rührung empfinden könne,
wie wenn ein dem Tode nahes Kind auf seinem Bette noch seine Spielsachen
liebkost. Solche Menschen sehen unter allen Rosen verborgene und
verhehlte Gräber; Lustbarkeiten, Getümmel, fröhliche
Musik erscheint ihnen wie die entschlossene Selbsttäuschung
des Schwerkranken, der noch einmal eine Minute den Rausch des
Lebens schlürfen will. Aber dieses Urtheil über die
Heiterkeit ist nichts Anderes, als deren Strahlenbrechung auf
dem düsteren Grunde der Ermüdung und Krankheit: es ist
selber etwas Rührendes, Unvernünftiges, zum Mitleiden
Drängendes, ja sogar etwas Kindliches und Kindisches, aber
aus jener zweiten Kindheit her, welche dem Alter folgt und dem
Tode voranläuft.
330.
Noch nicht genug! - Es ist noch nicht genug, eine Sache
zu beweisen, man muss die Menschen zu ihr auch noch verführen
oder zu ihr erheben. Desshalb soll der Wissende lernen, seine
Weisheit zu sagen: und oft so, dass sie wie Thorheit klingt!
331.
Recht und Gränze. - Der Asketismus ist für Solche
die rechte Denkweise, welche ihre sinnlichen Triebe ausrotten
müssen, weil dieselben wüthende Raubthiere sind. Aber
auch nur für Solche!
332.
Der auf geblasene Stil. - Ein Künstler, der sein hochgeschwollenes
Gefühl nicht im Werke entladen und sich so erleichtern, sondern
vielmehr gerade das Gefühl der Schwellung mittheilen will,
ist schwülstig und sein Stil ist der aufgeblasene Stil.
333.
"Menschlichkeit". - Wir halten die Thiere nicht
für moralische Wesen. Aber meint ihr denn, dass die Thiere
uns für moralische Wesen halten? - Ein Thier, welches reden
konnte, sagte: "Menschlichkeit ist ein Vorurtheil, an dem
wenigstens wir Thiere nicht leiden."
334.
Der Wohlthätige. - Der Wohlthätige befriedigt
ein Bedürfniss seines Gemüths, wenn er wohlthut. Je
stärker dieses Bedürfniss ist, um so weniger denkt er
sich in den Anderen hinein, der ihm dient, sein Bedürfniss
zu stillen, er wird unzart und beleidigt unter Umständen.
(Diess sagt man der jüdischen Wohlthätigkeit und Barmherzigkeit
nach: welche bekanntlich etwas hitziger ist, als die anderer Völker.)
335.
Damit Liebe als Liebe gespürt werde. - Wir haben nöthig,
gegen uns redlich zu sein und uns sehr gut zu kennen, um gegen
Andere jene menschenfreundliche Verstellung üben zu können,
welche Liebe und Güte genannt wird.
336.
Wessen sind wir fähig? - Einer war durch seinen ungerathenen
und boshaften Sohn den ganzen Tag so gequält worden, dass
er ihn Abends erschlug und aufathmend zur übrigen Familie
sagte: "So! nun können wir ruhig schlafen!" - Was
wissen wir, wozu uns Umstände treiben könnten
337.
"Natürlich". - In seinen Fehlern wenigstens
natürlich zu sein, - ist vielleicht das letzte Lob eines
künstlichen und überall sonst schauspielerischen und
halbächten Künstlers. Ein solches Wesen wird deshalb
gerade seine Fehler keck herauslassen.
338.
Ersatz-Gewissen. - Der eine Mensch ist für
den anderen sein Gewissen: und diess ist namentlich wichtig, wenn
der andere sonst keines hat.
339.
Verwandlung der Pflichten. - Wenn die Pflicht aufhört,
schwer zu fallen, wenn sie sich nach langer Übung zur lustvollen
Neigung und zum Bedürfniss umwandelt, dann werden die Rechte
Anderer, auf welche sich unsere Pflichten, jetzt unsere Neigungen
beziehen, etwas Anderes: nämlich Anlässe zu angenehmen
Empfindungen für uns. Der Andere wird vermöge seiner
Rechte von da an liebenswürdig (anstatt ehrwürdig und
furchtbar, wie vordem). Wir suchen unsere Lust, wenn wir jetzt
den Bereich seiner Macht anerkennen und unterhalten. Als die Quietisten
keine Last mehr an ihrem Christenthume hatten und in Gott nur
ihre Lust fanden, nahmen sie ihren Wahlspruch "Alles zur
Ehre Gottes!" an: was sie auch immer in diesem Sinne thaten,
es war kein Opfer mehr; es hiess so viel als "Alles zu unserm
Vergnügen!" Zu verlangen, dass die Pflicht immer etwas
lästig falle - wie es Kant thut - heisst verlangen, dass
sie niemals Gewohnheit und Sitte werde: in diesem Verlangen steckt
ein kleiner Rest von asketischer Grausamkeit.
340.
Der Augenschein ist gegen den Historiker. - Es ist eine
gut bewiesene Sache, dass die Menschen aus dem Mutterleibe hervorgehen:
trotzdem lassen erwachsene Kinder, die neben ihrer Mutter stehen,
die Hypothese als sehr ungereimt erscheinen; sie hat den Augenschein
gegen sich.
341.
Vortheil im Verkennen. - Jemand sagte, er habe in der Kindheit
eine solche Verachtung gegen die gefallsüchtigen Grillen
des melancholischen Temperaments gehabt, dass es ihm bis zur Mitte
seines Lebens verborgen geblieben sei, welches Temperament er
habe: nämlich eben das melancholische. Er erklärte diess
für die beste aller möglichen Unwissenheiten.
342.
Nicht zu verwechseln! - Ja! Er betrachtet die Sache von
allen Seiten, und ihr meint, das sei ein rechter Mann der Erkenntniss.
Aber er will nur den Preis herabsetzen, - er will sie kaufen!
343.
Angeblich moralisch. - Ihr wollt nie mit euch unzufrieden
werden, nie an euch leiden, - und nennt diess euren moralischen
Hang! Nun gut, ein Andrer mag es eure Feigheit nennen. Aber Eins
ist gewiss: ihr werdet niemals die Reise um die Welt (die ihr
selber seid!) machen und in euch selber ein Zufall und eine Scholle
auf der Scholle bleiben! Glaubt ihr denn, dass wir Andersgesinnten
der reinen Narrheit halber uns der Reise durch die eigenen öden,
Sümpfe und Eisgebirge aussetzen und Schmerzen und Überdruss
an uns freiwillig erwählen, wie die Säulenheiligen?
344.
Feinheit im Fehlgreifen. - Wenn Homer, wie man sagt, bisweilen
geschlafen hat, so war er klüger als alle die Künstler
des schlaflosen Ehrgeizes. Man muss die Bewunderer zu Athem kommen
lassen, dadurch dass man sie von Zeit zu Zeit in Tadler verwandelt;
denn Niemand hält eine ununterbrochen glänzende und
wache Güte aus; und statt wohlzuthun, wird ein Meister der
Art zum Zuchtmeister, den man hasst, während er vor uns hergeht.
345.
Unser Glück ist kein Argument für und wider.
- Viele Menschen sind nur eines geringen Glückes fähig:
es ist ebenso wenig ein Einwand gegen ihre Weisheit, dass diese
ihnen nicht mehr Glück geben könne, als es ein Einwand
gegen die Heilkunst ist, dass manche Menschen nicht zu curiren
und andere immer kränklich sind. Möge Jeder mit gutem
Glück gerade die Lebensauffassung finden, bei der er sein
höchstes Maass von Glück verwirklichen kann: dabei kann
sein Leben immer noch erbärmlich und wenig neidenswerth sein.
346.
Weiberfeinde. - "Das Weib ist unser Feind" -
wer so als Mann zu Männern spricht, aus dem redet der ungebändigte
Trieb, der nicht nur sich selber, sondern auch seine Mittel hasst.
347.
Eine Schule des Redners. - Wenn man ein Jahr lang schweigt,
so verlernt man das Schwätzen und lernt das Reden. Die Pythagoreer
waren die besten Staatsmänner ihrer Zeit.
348.
Gefühl der Macht. - Man unterscheide wohl: wer das
Gefühl der Macht erst gewinnen will, greift nach allen Mitteln
und verschmäht keine Nahrung desselben. Wer es aber hat,
der ist sehr wählerisch und vornehm in seinem Geschmack geworden;
selten, dass ihm Etwas noch genugthut.
349.
Nicht gar so wichtig. - Bei einem Sterbefalle, dem man
zusieht, steigt ein Gedanke regelmässig auf, den man sofort,
aus einem falschen Gefühl der Anständigkeit, in sich
unterdrückt: dass der Act des Sterbens nicht so bedeutend
sei, wie die allgemeine Ehrfurcht behauptet, und dass der Sterbende
im Leben wahrscheinlich wichtigere Dinge verloren habe, als er
hier zu verlieren im Begriffe steht. Das Ende ist hier gewiss
nicht das Ziel. -
350.
Wie man am besten verspricht. - Wenn ein Versprechen gemacht
wird, so ist es nicht das Wort, welches verspricht, sondern das
Unausgesprochene hinter dem Worte. Ja, die Worte machen ein Versprechen
unkräftiger, indem sie eine Kraft entladen und verbrauchen,
welche ein Theil jener Kraft ist, die verspricht. Lasst euch also
die Hand reichen und legt dabei den Finger auf den Mund, - so
macht ihr die sichersten Gelöbnisse.
351.
Gewöhnlich missverstanden. - Im Gespräche bemerkt
man den Einen bemüht, eine Falle zu legen, in welche der
Andere fällt, nicht aus Bosheit, wie man denken sollte, sondern
aus Vergnügen an der eignen Pfiffigkeit: dann wieder Andre,
welche den Witz vorbereiten, damit der Andre ihn mache, und welche
die Schleife knüpfen, damit Jener den Knoten daraus ziehe:
nicht aus Wohlwollen, wie man denken sollte, sondern aus Bosheit
und Verachtung der groben Intellecte.
352.
Centrum. - Jenes Gefühl: "ich bin der Mittelpunct
der Welt!" tritt sehr stark auf, wenn man plötzlich
von der Schande überfallen wird; man steht dann da wie betäubt
inmitten einer Brandung und fühlt sich geblendet wie von
Einem grossen Auge, das von allen Seiten auf uns und durch uns
blickt.
353.
Redefreiheit. - "Die Wahrheit muss gesagt werden,
und wenn die Welt in Stücke gehen sollte!" - so ruft,
mit grossein Munde, der grosse Fichte! - Ja! Ja! Aber man müsste
sie auch haben! - Aber er meint, Jeder solle seine Meinung sagen,
und wenn Alles drunter und drüber gienge. Darüber liesse
sich mit ihm noch rechten.
354.
Muth zum Leiden. - So wie wir jetzt sind, können wir
eine ziemliche Menge von Unlust ertragen, und unser Magen ist
auf diese schwere Kost eingerichtet. Vielleicht fänden wir
ohne sie die Mahlzeit des Lebens fade: und ohne den guten Willen
zum Schmerze würden wir allzu viele Freuden fahren lassen
müssen!
355.
Verehrer. - Wer so verehrt, dass er den Nichtverehrenden
kreuzigt, gehört zu den Henkern seiner Partei, - man hütet
sich, ihm die Hand zu geben, selbst wenn man auch von der Partei
ist.
356.
Wirkung des Glückes. - Die erste Wirkung des Glückes
ist das Gefühl der Macht: diese will sich äussern, sei
es gegen uns selber oder gegen andere Menschen oder gegen Vorstellungen
oder gegen eingebildete Wesen. Die gewöhnlichsten Arten,
sich zu äussern, sind: Beschenken, Verspotten, Vernichten,
- alle drei mit einem gemeinsamen Grundtriebe.
357.
Moralische Stechfliegen. - Jene Moralisten, denen die Liebe
zur Erkenntniss abgeht und welche nur den Genuss des Wehethuns
kennen - haben den Geist und die Langeweile von Kleinstädtern;
ihr ebenso grausames, als jämmerliches Vergnügen ist,
dem Nachbar auf die Finger zu sehen und unvermerkt eine Nadel
so zu stecken, dass er sich daran sticht. In ihnen ist die Unart
kleiner Knaben rückständig, welche nicht munter sein
können ohne etwas Jagd und Misshandlung von Lebendigem und
Todtem.
358.
Gründe und ihre Grundlosigkeit. - Du hast eine Abneigung
gegen ihn und bringst auch reichliche Gründe für diese
Abneigung vor, - ich glaube aber nur deiner Abneigung, und nicht
deinen Gründen! Es ist eine Schönthuerei vor dir selber,
Das, was instinctiv geschieht, dir und mir wie einen Vernunftschluss
vorzuführen.
359.
Etwas gut heissen. - Man heisst die Ehe gut, erstens weil
man sie noch nicht kennt, zweitens weil man sich an sie gewöhnt
hat, drittens weil man sie geschlossen hat, - das heisst fast
in allen Fällen. Und doch ist damit Nichts für die Güte
der Ehe überhaupt bewiesen.
360.
Keine Utilitarier. - "Die Macht, der viel Böses
angethan und angedacht wird, ist mehr werth, als die Ohnmacht,
der nur Gutes widerfährt", - so empfanden die Griechen.
Das heisst: das Gefühl der Macht wurde von ihnen höher
geschätzt, als irgend ein Nutzen oder guter Ruf.
361.
Hässlich scheinen. - Die Mässigkeit sieht sich
selber als schön; sie ist unschuldig daran, dass sie im Auge
des Unmässigen rauh und nüchtern, folglich als hässlich
erscheint.
362.
Verschieden im Hasse. - Manche hassen erst, wenn sie sich
schwach und müde fühlen: sonst sind sie billig und übersehend.
Andre hassen erst, wenn sie die Möglichkeit der Rache sehen:
sonst hüten sie sich vor allem heimlichen und lauten Zorn,
und denken, wenn es Anlässe dazu giebt, daran vorbei.
363.
Menschen des Zufalls. - Das Wesentliche an jeder Erfindung
thut der Zufall, aber den meisten Menschen begegnet dieser Zufall
nicht.
364.
Wahl der Umgebung. - Man hüte sich, in einer Umgebung
zu leben, vor der man weder würdig schweigen, noch sein Höheres
mitzutheilen vermag, sodass unsere Klagen und Bedürfnisse
und die ganze Geschichte unserer Nothstände zur Mittheilung
übrig bleiben. Dabei wird man mit sich unzufrieden, und unzufrieden
mit dieser Umgebung, ja, nimmt den Verdruss, sich immer als Klagenden
zu empfinden, noch zu dem Nothstande hinzu, der uns klagen macht.
Sondern dort soll man leben, wo man sich schämt, von sich
zu reden, und es nicht nöthig hat. - Aber wer denkt an solche
Dinge, an eine Wahl in solchen Dingen! Man redet von seinem "Verhängniss",
stellt sich mit breitem Rücken hin und seufzt "ich unglückseliger
Atlas!"
365.
Eitelkeit. - Die Eitelkeit ist die Furcht, original zu
erscheinen, also ein Mangel an Stolz, aber nicht nothwendig ein
Mangel an Originalität.
366.
Verbrecher-Kummer. - Man leidet als entdeckter Verbrecher
nicht am Verbrechen, sondern an der Schande oder am Verdruss über
eine gemachte Dummheit oder an der Entbehrung des gewohnten Elementes,
und es bedarf einer Feinheit, die selten ist, hierin zu unterscheiden.
Jeder, der viel in Gefängnissen und Zuchthäusern verkehrt
hat, ist erstaunt, wie selten daselbst ein unzweideutiger "Gewissensbiss"
anzutreffen ist: um so mehr aber das Heimweh nach dem alten bösen
geliebten Verbrechen.
367.
Immer glücklich seinen. - Als die Philosophie Sache
des öffentlichen Wetteifers war, im Griechenland des dritten
Jahrhunderts, gab es nicht wenige Philosophen, welche glücklich
durch den Hintergedanken wurden, dass Andere, die nach anderen
Principien lebten und sich dabei quälten, an ihrem Glücke
Ärger haben müssten: sie glaubten, mit ihrem Glücke
jene am besten zu widerlegen, und dazu genügte es ihnen,
immer glücklich zu scheinen: aber dabei müssten sie
auf die Dauer glücklich werden! Diess war zum Beispiel das
Loos der Cyniker.
368.
Grund vieler Verkennung. - Die Moralität der zunehmenden
Nervenkraft ist freudig und unruhig; die Moralität der abnehmenden
Nervenkraft, am Abende oder bei Kranken und alten Leuten, ist
leidend, beruhigend, abwartend, wehmüthig, ja nicht selten
düster. Je nachdem man von dieser oder jener hat, versteht
man die uns fehlende nicht, und dem Andern legt man sie oft als
Unsittlichkeit und Schwäche aus.
369.
Sich über seine Erbärmlichkeit zu heben. - Das
sind mir stolze Gesellen, die, um das Gefühl ihrer Würde
und Wichtigkeit herzustellen, immer erst Andere brauchen, die
sie anherrschen und vergewaltigen können: Solche nämlich,
deren Ohnmacht und Feigheit es erlaubt, dass Einer vor ihnen ungestraft
erhabene und zornige Gebärden machen kann! - sodass sie die
Erbärmlichkeit ihrer Umgebung nöthig haben, um sich
auf einen Augenblick über die eigene Erbärmlichkeit
zu heben! - Dazu hat Mancher einen Hund, ein Andrer einen Freund,
ein Dritter eine Frau, ein Vierter eine Partei und ein sehr Seltener
ein ganzes Zeitalter nöthig.
370.
Inwiefern der Denker seinen Feind liebt. - Nie Etwas zurückhalten
oder dir verschweigen, was gegen deinen Gedanken gedacht werden
kann! Gelobe es dir! Es gehört zur ersten Redlichkeit des
Denkens. Du musst jeden Tag auch deinen Feldzug gegen dich selber
führen. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr
deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit, - aber auch deine
Niederlage ist nicht mehr deine Angelegenheit!
371.
Das Böse der Stärke. - Die Gewaltthätigkeit
als Folge der Leidenschaft, zum Beispiel des Zornes, ist physiologisch
als ein Versuch zu verstehen, einem drohenden Erstickungsanfall
vorzubeugen. Zahllose Handlungen des Übermuths, der sich
an anderen Personen auslässt, sind Ableitungen eines plötzlichen
Blutandranges durch eine starke Muskel-Action gewesen: und vielleicht
gehört das ganze "Böse der Stärke" unter
diesen Gesichtspunct. (Das Böse der Stärke thut dem
Andern wehe, ohne daran zu denken, - es muss sich auslassen; das
Böse der Schwäche will wehe thun und die Zeichen des
Leidens sehen.)
372.
Zur Ehre der Kenner. - Sobald Einer, ohne Kenner zu sein,
doch den Urtheiler Spielt, soll man sofort protestiren: ob es
nun Männlein oder Weiblein sei. Schwärmerei und Entzücken
für ein Ding oder einen Menschen sind keine Argumente: Widerwillen
und Hass gegen sie auch nicht.
373.
Verrätherischer Tadel. - "Er kennt die Menschen
nicht" - das heisst im Munde des Einen: "er kennt die
Gemeinheit nicht", im Munde des Andern: "er kennt die
Ungewöhnlichkeit nicht und die Gemeinheit zu gut".
374.
Werth des Opfers. - Je mehr man den Staaten und Fürsten
das Recht aberkennt, die Einzelnen zu opfern (wie bei der Rechtspflege,
der Heeresfolge u. s. w.), um so höher wird der Werth der
Selbst-Opferung steigen.
375.
Zu deutlich reden. - Man kann aus verschiedenen Gründen
zu deutlich articulirt sprechen: einmal, aus Misstrauen gegen
sich, in einer neuen ungeübten Sprache, sodann aber auch
aus Misstrauen gegen die Anderen, wegen ihrer Dummheit oder Langsamkeit
des Verständnisses. Und so auch im Geistigsten: unsere Mittheilung
ist mitunter zu deutlich, zu peinlich, weil Die, welchen wir uns
mittheilen, uns sonst nicht verstehen. Folglich ist der vollkommne
und leichte Stil nur vor einer vollkommenen Zuhörerschaft
erlaubt.
376.
Viel schlafen. - Was thun, um sich anzuregen, wenn man
müde und seiner selbst satt ist? Der Eine empfiehlt die Spielbank,
der Andere das Christenthum, der Dritte die Electricität.
Das Beste aber, mein lieber Melancholiker, ist und bleibt: viel
schlafen, eigentlich und uneigentlich! So wird man auch seinen
Morgen wieder haben! Das Kunststück der Lebensweisheit ist,
den Schlaf jeder Art zur rechten Zeit einzuschieben wissen.
377.
Worauf phantastische Ideale rathen lassen. - Dort, wo unsere
Mängel liegen, ergeht sich unsere Schwärmerei. Den schwärmerischen
Satz "liebet eure Feinde!" haben Juden erfinden müssen,
die besten Hasser, die es gegeben hat, und die schönste Verherrlichung
der Keuschheit ist von Solchen gedichtet worden, die in ihrer
Jugend wüst und abscheulich gelebt haben.
378.
Reine Hand und reine Wand. - Man soll weder Gott noch den
Teufel an die Wand malen. Man verdirbt damit seine Wand und seine
Nachbarschaft.
379.
Wahrscheinlich und unwahrscheinlich. - Eine Frau liebte
heimlich einen Mann, hob ihn hoch über sich und sagte sich
im Geheimsten hundert Male: "wenn mich ein solcher Mann liebte,
so wäre diess wie eine Gnade, vor der ich im Staube liegen
müsste!" - Und dem Manne gieng es ganz ebenso, und gerade
in Bezug auf diese Frau, und er sagte sich im Geheimsten auch
gerade diesen Gedanken. Als endlich einmal Beiden die Zunge sich
gelöst hatte und sie alles das Verschwiegene und Verschwiegenste
des Herzens einander sagten, entstand schliesslich ein Stillschweigen
und einige Besinnung. Darauf hob die Frau an, mit erkälteter
Stimme: "aber es ist ja ganz klar! wir sind Beide nicht Das,
was wir geliebt haben! Wenn du Das bist, was du sagst und nicht
mehr, so habe ich mich umsonst erniedrigt und dich geliebt; der
Dämon verführte mich so wie dich." - Diese sehr
wahrscheinliche Geschichte kommt nie vor, - wesshalb?
380.
Erprobter Rath. - Von allen Trostmitteln thut Trostbedürftigen
Nichts so wohl, als die Behauptung, für ihren Fall gebe es
keinen Trost. Darin liegt eine solche Auszeichnung, dass sie wieder
den Kopf erheben.
381.
Seine "Einzelheit" kennen. - Wir vergessen zu
leicht, dass wir im Auge fremder Menschen, die uns zum ersten
Male sehen, etwas ganz Anderes sind, als Das, wofür wir uns
selber halten: meistens Nichts mehr, als eine in die Augen springende
Einzelheit, welche den Eindruck bestimmt. So kann der sanftmüthigste
und billigste Mensch, wenn er nur einen grossen Schnurrbart hat,
gleichsam im Schatten desselben sitzen, und ruhig sitzen, - die
gewöhnlichen Augen sehen in ihm den Zubehör zu einem
grossen Schnurrbart, will sagen: einen militärischen, leicht
aufbrausenden, unter Umständen gewaltsamen Charakter - und
benehmen sich darnach vor ihm.
382.
Gärtner und Garten. - Aus feuchten trüben Tagen,
Einsamkeit, lieblosen Worten an uns, wachsen Schlüsse auf
wie Pilze: sie sind eines Morgens da, wir wissen nicht woher,
und sehen sich grau und griesgrämig nach uns um. Wehe dem
Denker, der nicht der Gärtner, sondern nur der Boden seiner
Gewächse ist!
383.
Die Komödie des Mitleidens. - Wir mögen noch
so sehr an einem Unglücklichen Antheil nehmen: in seiner
Gegenwart spielen wir immer etwas Komödie, wir sagen Vieles
nicht, was wir denken und wie wir es denken, mit jener Behutsamkeit
des Arztes am Bette von Schwerkranken.
384.
Wunderliche Heilige. - Es giebt Kleinmüthige, welche
von ihrem besten Werke und Wirken Nichts halten und es schlecht
zur Mittheilung oder zum Vortrage bringen: aber aus einer Art
Rache halten sie auch Nichts von der Sympathie Anderer oder glauben
gar nicht an Sympathie; sie schämen sich, von sich selber
hingerissen zu erscheinen und fühlen ein trotziges Wohlbehagen
darin, lächerlich zu werden. - Diess sind Zustände aus
der Seele melancholischer Künstler.
385.
Die Eiteln. - Wir sind wie Schauläden, in denen wir
selber unsere angeblichen Eigenschaften, welche Andere uns zusprechen,
fortwährend anordnen, verdecken oder in's Licht stellen,
- um uns zu betrügen.
386.
Die Pathetischen und die Naiven. - Es kann eine sehr unedle
Gewohnheit sein, keine Gelegenheit vorbei zu lassen, wo man sich
pathetisch zeigen kann: um jenes Genusses willen, sich den Zuschauer
dabei zu denken, der sich an die Brust schlägt und sich selber
jämmerlich und klein fühlt. Es kann folglich auch ein
Zeichen des Edelsinns sein, mit pathetischen Lagen Spott zu treiben
und in ihnen sich unwürdig zu benehmen. Der alte kriegerische
Adel Frankreich's hatte diese Art Vornehmheit und Feinheit.
387.
Probe einer Überlegung vor der Ehe. - Gesetzt, sie
liebte mich, wie lästig würde sie mir auf die Dauer
werden! Und gesetzt, sie liebte mich nicht, wie lästig würde
sie erst da mir auf die Dauer werden! - Es handelt sich nur um
zwei verschiedene Arten des Lästigen: - heirathen wir also!
388.
Die Schurkerei mit gutem Gewissen. - Im kleinen Handel
übervortheilt zu werden, - das ist in manchen Gegenden, zum
Beispiel in Tyrol, so unangenehm, weil man das böse Gesicht
und die grobe Begierde darin, nebst dem schlechten Gewissen und
der plumpen Feindseligkeit, welche im betrügerischen Verkäufer
gegen uns entsteht, noch obendrein in den schlechten Kauf bekommt.
In Venedig dagegen ist der Prellende von Herzen über das
gelungene Schelmenstück vergnügt und gar nicht feindselig
gegen den Geprellten gestimmt, ja geneigt, ihm eine Artigkeit
zu erweisen und namentlich mit ihm zu lachen, falls er dazu Lust
haben sollte. - Kurz, man muss zur Schurkerei auch den Geist und
das gute Gewissen haben: das versöhnt den Betrogenen beinahe
mit dem Betruge.
389.
Etwas zu schwer. - Sehr brave Leute, die aber etwas zu
schwer sind, um höflich und liebenswürdig zu sein, suchen
eine Artigkeit sofort mit einer ernsthaften Dienstleistung oder
mit einem Beitrag aus ihrer Kraft zu beantworten. Es ist rührend
anzusehen, wie sie ihre Goldstücke schüchtern heranbringen,
wenn ein Anderer ihnen seine vergoldeten Pfennige geboten hat.
390.
Geist verbergen. - Wenn wir Jemanden dabei ertappen, dass
er seinen Geist vor uns verbirgt, so nennen wir ihn böse:
und zwar um so mehr, wenn wir argwöhnen, dass Artigkeit und
Menschenfreundlichkeit ihn dazu getrieben haben.
391.
Der böse Augenblick. - Lebhafte Naturen lügen
nur einen Augenblick: nachher haben sie sich selber belogen und
sind überzeugt und rechtschaffen.
392.
Bedingung der Höflichkeit. - Die Höflichkeit
ist eine sehr gute Sache und wirklich eine der vier Haupttugenden
(wenn auch die letzte): aber damit wir uns einander nicht mit
ihr lästig werden, muss Der, mit dem ich gerade zu thun habe,
um einen Grad weniger oder mehr höflich sein, als ich es
bin, - sonst kommen wir nicht von der Stelle, und die Salbe salbt
nicht nur, sondern klebt uns fest.
393.
Gefährliche Tugenden. - "Er vergisst Nichts,
aber er vergiebt Alles." - Dann wird er doppelt gehasst,
denn er beschämt doppelt, mit seinem Gedächtniss und
mit seiner Grossmuth.
394.
Ohne Eitelkeit. - Leidenschaftliche Menschen denken wenig
an Das, was die Anderen denken, ihr Zustand erhebt sie über
die Eitelkeit.
395.
Die Contemplation. - Bei dem einen Denker folgt der dem
Denker eigene beschauliche Zustand immer auf den Zustand der Furcht,
bei einem andern immer auf den Zustand der Begierde. Dem ersten
scheint demnach die Beschaulichkeit mit dem Gefühl der Sicherheit
verbunden, dem andern mit dem Gefühl der Sättigung -
das heisst: jener ist dabei muthig, dieser überdrüssig
und neutral gestimmt.
396.
Auf der Jagd. - Jener ist auf der Jagd, angenehme Wahrheiten
zu haschen, dieser - unangenehme. Aber auch der Erstere hat mehr
Vergnügen an der Jagd, als an der Beute.
397.
Erziehung. - Die Erziehung ist eine Fortsetzung der Zeugung
und oft eine Art nachträglicher Beschönigung derselben.
398.
Woran der Hitzigere zu erkennen ist. - Von zwei Personen,
die mit einander kämpfen oder sich lieben oder sich bewundern,
übernimmt die, welche die hitzigere ist, immer die unbequemere
Stellung. Das Selbe gilt auch von zwei Völkern.
399.
Sich vertheidigen. - Manche Menschen haben das beste Recht,
so und so zu handeln; aber wenn sie sich darob vertheidigen, glaubt
man's nicht mehr - und irrt sich.
400.
Moralische Verzärtelung. - Es giebt zart moralische
Naturen, welche bei jedem Erfolge Beschämung und bei jedem
Misserfolge Gewissensbisse haben.
401.
Gefährlichstes Verlernen. - Man fängt damit an,
zu verlernen, Andere zu lieben und hört damit auf, an sich
nichts Liebenswerthes mehr zu finden.
402.
Auch eine Toleranz. - "Eine Minute zu lange auf glühenden
Kohlen gelegen haben und ein Wenig dabei anzubrennen, - das schadet
noch Nichts, bei Menschen und Kastanien! Diese kleine Bitterkeit
und Härte lässt erst recht schmecken, wie süss
und milde der Kern ist." - Ja! So urtheilt ihr Geniessenden!
Ihr sublimen Menschenfresser!
403.
Verschiedener Stolz. - Die Frauen sind es, welche bei der
Vorstellung erbleichen, ihr Geliebter möchte ihrer nicht
werth sein; die Männer sind es, welche bei der Vorstellung
erbleichen, sie möchten ihrer Geliebten nicht werth sein.
Es ist hier von ganzen Frauen, ganzen Männern die Rede. Solche
Männer, als die Menschen der Zuversichtlichkeit und des Machtgefühls
für gewöhnlich, haben im Zustande der Passion ihre Verschämtheit,
ihren Zweifel an sich; solche Frauen aber fühlen sich sonst
immer als die Schwachen, zur Hingebung Bereiten, aber in der hohen
Ausnahme der Passion haben sie ihren Stolz und ihr Machtgefühl,
- als welches frägt: wer ist meiner würdig?
404.
Wem man selten gerecht wird. - Mancher kann sich nicht
für etwas Gutes und Grosses erwärmen, ohne schweres
Unrecht nach irgend einer Seite hin zu thun: diess ist seine Art
Moralität.
405.
Luxus. - Der Hang zum Luxus geht in die Tiefe eines Menschen:
er verräth, dass das Überflüssige und Unmässige
das Wasser ist, in dem seine Seele am liebsten schwimmt.
406.
Unsterblich machen. - Wer seinen Gegner tödten will,
mag erwägen, ob er ihn nicht gerade dadurch bei sich verewigt.
407.
Wider unsern Charakter. - Geht die Wahrheit, die wir zu
sagen haben, wider unsern Charakter - wie es oft vorkommt -, so
benehmen wir uns dabei, als ob wir schlecht lögen und erregen
Misstrauen.
408.
Wo viel Milde noth thut. - Manche Naturen haben nur die
Wahl, entweder öffentliche Übelthäter oder geheime
Leidträger zu sein.
409.
Krankheit. - Unter Krankheit ist zu verstehen: eine unzeitige
Annäherung des Alters, der Hässlichkeit und der pessimistischen
Urtheile: welche Dinge zu einander gehören.
410.
Die Ängstlichen. - Gerade die ungeschickten ängstlichen
Wesen werden leicht zu Todtschlägern: sie verstehen die kleine
zweckentsprechende Vertheidigung oder Rache nicht, ihr Hass weiss
aus Mangel an Geist und Geistesgegenwart keinen andern Ausweg,
als die Vernichtung.
411.
Ohne Hass. - Du willst von deiner Leidenschaft Abschied
nehmen? Thue es, aber ohne Hass gegen sie! Sonst hast du eine
zweite Leidenschaft. - Die Seele der Christen, die sich von der
Sünde freigemacht hat, wird gewöhnlich hinterher durch
den Hass gegen die Sünde ruinirt. Sieh die Gesichter der
grossen Christen an! Es sind die Gesichter von grossen Hassern.
412.
Geistreich und beschränkt. - Er versteht Nichts zu
schätzen, ausser sich; und wenn er Andere schätzen will,
so muss er sie immer erst in sich verwandeln. Darin aber ist er
geistreich.
413.
Die privaten und öffentlichen Ankläger. - Sieh
dir Jeden genau an, der anklagt und inquirirt, - er enthüllt
dabei seinen Charakter: und zwar nicht selten einen schlechteren
Charakter, als das Opfer hat, hinter dessen Verbrechen er her
ist. Der Anklagende meint in aller Unschuld, der Gegner eines
Frevels und eines Frevlers müsse schon an sich von gutem
Charakter sein oder als gut gelten, - und so lässt er sich
gehen, das heisst: er lässt sich heraus.
414.
Die freiwillig Blinden. - Es giebt eine Art schwärmerischer,
bis zum Äussersten gehender Hingebung an eine Person oder
Partei, die verräth, dass wir im Geheimen uns ihr überlegen
fühlen und darüber mit uns grollen. Wir blenden uns
gleichsam freiwillig zur Strafe dafür, dass unser Auge zu
viel gesehen hat.
415.
Remedium amoris. - Immer noch hilft gegen die Liebe in
den meisten Fällen jenes alte Radicalmittel: die Gegenliebe.
416.
Wo ist der schlimmste Feind? - Wer seine Sache gut führen
kann und sich dessen bewusst ist, ist gegen seinen Widersacher
meist versöhnlich gestimmt. Aber zu glauben, dass man die
gute Sache für sich habe, und zu wissen, dass man nicht geschickt
ist, sie zu vertheidigen, - das macht einen ingrimmigen und unversöhnlichen
Hass auf den Gegner der eignen Sache. - Möge jeder darnach
berechnen, wo seine schlimmsten Feinde zu suchen sind!
417.
Gränze aller Demuth. - Zu der Demuth, welche spricht:
credo quia absurdum est, und ihre Vernunft zum Opfer anbietet,
brachte es wohl schon Mancher: aber Keiner, so viel ich weiss,
bis zu jener Demuth, die doch nur einen Schritt davon entfernt
ist und welche spricht: credo quia absurdus sum.
418.
Wahrspielerei. - Mancher ist wahrhaftig, - nicht weil er
es verabscheut, Empfindungen zu heucheln, sondern weil es ihm
schlecht gelingen würde, seiner Heuchelei Glauben zu verschaffen.
Kurz, er traut seinem Talent als Schauspieler nicht und zieht
die Redlichkeit vor, die "Wahrspielerei".
419.
Muth in der Partei. - Die armen Schafe sagen zu ihrem Zugführer:
"gehe nur immer voran, so wird es uns nie an Muth fehlen,
dir zu folgen." Der arme Zugführer aber denkt bei sich:
"folgt mir nur immer nach, so wird es mir nie an Muth fehlen,
euch zu führen."
420.
Verschlagenheit des Opferthiers. - Es ist eine traurige
Verschlagenheit, wenn man sich über Jemanden täuschen
will, dem man sich geopfert hat, und ihm Gelegenheit bietet, wo
er uns so erscheinen muss, wie wir wünschen, dass er wäre.
421.
Durch Andre hindurch. - Es giebt Menschen, die gar nicht
anders gesehen werden wollen, als durch Andre hindurchschimmernd.
Und daran ist viel Klugheit.
422.
Andern Freude machen. - Warum geht Freude machen über
alle Freuden? - Weil man damit seinen fünfzig eignen Trieben
auf Einmal eine Freude macht. Es mögen das einzeln sehr kleine
Freuden sein: aber thut man sie alle in Eine Hand, so hat man
die Hand voller, als jemals sonst, - und das Herz auch! -